Für Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) war es ein schwerer Gang, als sie am Donnerstag im dritten Stock ihres Hauses zum traditionellen Pressgespräch anlässlich des Schuljahresauftaktes erschien. Einen Tag zuvor waren Zahlen öffentlich geworden, wonach Berlin zum neuen Schuljahr massiv auf unqualifizierte Lehrer zurückgreifen muss. Die Berliner CDU forderte am Donnerstag daher sogar den Rücktritt von Scheeres.

„Wir haben in ganz Deutschland enorme Probleme, qualifizierte Grundschullehrer zu finden“, versuchte die als stoisch bekannte Bildungssenatorin Sandra Scheeres zu beschwichtigen. Immerhin sehe es so aus, dass man nun alle offenen Lehrerstellen in Berlin besetzen könne, sagte sie. 90 Stellen würden in den nächsten Wochen noch nachbesetzt, um Langzeiterkrankte zu ersetzen. Tatsächlich schlägt sich der Lehrermangel in Sachsen und Berlin besonders deutlich nieder. Ausgerechnet dort, wo die Kinder Schreiben und Rechnen lernen, fehlen in Berlin die meisten regulären Lehrer: An den Grundschulen.

Nur zwölf Prozent mit Grundschullehramt

Für die Berliner CDU ist dieser Fachkräftemangel Anlass genug, Scheeres’ Rücktritt zu fordern. „Die SPD-Senatorin hat auch als langjährige Wissenschaftssenatorin versäumt, rechtzeitig die Weichen zu stellen: Es wurden zu wenig Plätze für Lehramtsstudenten und Referendare eingerichtet“, sagte CDU-Fraktionschef Burkard Dregger. Außerdem verbeamte Berlin nicht. Tatsächlich bildete Berlin jahrelang zu wenig Grundschullehrer aus, auch schon in der Amtszeit von Scheeres’ Vorgänger Jürgen Zöllner. Scheeres selbst sorgte – wenn auch spät – dafür, dass die Berliner Unis nun wieder deutlich mehr Grundschullehrer ausbilden.

Erst auf Nachfrage machte Scheeres in ihrer Pressekonferenz besorgniserregende Zahlen öffentlich: Unter den zum neuen Schuljahr eingestellten 1240 Grundschullehrern befinden sich 31 Prozent Quereinsteiger, die erst noch berufsbegleitend ein Referendariat absolvieren müssen. Noch irritierender: Fast 40 Prozent der Neueinstellungen sind Lehrer ohne volle Lehrbefähigung („LovL“). Sie haben gar kein Schulfach studiert und dürfen noch nicht einmal Quereinsteiger werden. Meist sind es einstige Vertretungs- oder Willkommensklassenlehrer. Voll ausgebildete Profis werden immer seltener: Nur noch zwölf Prozent der in Berlin nun neu eingestellten Lehrer hat auch aufs Grundschullehramt hin studiert. Dabei werden doch hier die Grundlagen für die künftige Bildungskarriere gelegt.

Deutsch und Mathe für die Profis

Quer über alle Schultypen beträgt der „LovL“-Anteil an den Neueinstellungen 34 Prozent. Von den 2700 Lehrern, die für das am Montag beginnende Schuljahr eingestellt wurden, sind laut Senatorin Scheeres nur gut 1000 voll ausgebildete Pädagogen, aber 738 Quereinsteiger und 915 „LovL“.

Forscher warnen davor, die nicht voll ausgebildeten Lehrer in den unteren Klassen einzusetzen, wo die jüngsten Schüler Rechnen, Schreiben und Lesen lernen. Dafür fehlten ihnen die pädagogischen und didaktischen Kenntnisse, warnt etwa der Grundschulforscher Jörg Ramseger von der Freien Universität. Er forderte voll ausgebildete Lehrer auf, sich auf Deutsch- und Mathematikunterricht zu konzentrieren, die Nebenfächer Seiteneinsteigern zu überlassen.

So viele Schüler wie lange nicht mehr

Klar ist auch, dass die „LovL“ deutlich weniger verdienen werden als herkömmliche Lehrer. Sie dürften nach Entgeltgruppe 11 bezahlt werden oder je nach Qualifikation noch geringer, heißt es im Gesamtpersonalrat. Das wären brutto rund 2000 Euro weniger, als reguläre Lehrer erhalten, die neuerdings zu einem Einheitstarif von gut 5300 Euro eingestellt werden. Die Verträge von gut 800 „LovL“-Lehrern sind zunächst befristet, meist auf ein Jahr. Scheeres machte klar, dass die Schulleiter selbst entscheiden können, ob ein Beschäftigungsverhältnis schließlich entfristet wird.

Während es an Pädagogen mangelt, wird es im kommenden Jahr noch deutlich mehr Schüler geben als zuletzt. Im neuen Schuljahr werden 359.000 Schüler an den allgemeinbildenden Schulen Berlins lernen. Das sind 8000 mehr als im vergangenen Jahr. „Bis zum Schuljahr 2025/26 rechnen wird mit einem Zuwachs von 53.000 Schülerinnen und Schülern“, sagte Scheeres. An etlichen Schulen führe das inzwischen dazu, dass Fachräume aufgegeben werden, um daraus Klassenzimmer zu machen. Vielerorts wird gebaut.

Am 25. August haben dann 33.900 Erstklässler ihre Einschulungsfeiern, am Montag darauf den ersten Schultag. So viele wie lange nicht mehr.