Moskauer Notkrankenhaus zur Behandlung von Covid-19-Fällen. 
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MoskauAlexandra studiert im vierten Jahr Medizin an der renommierten Setschenow-Universität in Moskau, später möchte sie Infektiologin werden. Doch nun soll sie ihr Spezialgebiet früher kennenlernen als ihr lieb ist: Das russische Gesundheitsministerium hat Medizinstudenten zur Arbeit auf Corona-Stationen verpflichtet. „Das ist kein freiwilliger Dienst“, sagt Alexandra, die wie ihre Kommilitonen aus Furcht vor Repressionen anonym bleiben möchte. „Das Coronavirus ist gefährlich, und man sollte den Leuten die Wahl lassen.“

Das Ministerium ordnete Ende April an, dass alle angehenden Ärzte ab dem vierten Studienjahr ab Mai ihre praktische Ausbildung in den Kliniken für Corona-Patienten fortsetzen müssen - egal, ob sie sich auf Zahnmedizin, Gynäkologie oder Kinderheilkunde spezialisiert haben. Nur Studierende mit „medizinischen Kontraindikationen“ sind davon ausgenommen. „Wer sich weigert, der riskiert, von der Uni zu fliegen“, erklärt Swetlana, Medizinstudentin im sechsten Studienjahr. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP. 

In Russland wächst die Zahl der Infizierten rasant, am Wochenende hat sie die Marke von 200.000 überstiegen. Um die Schwerkranken behandeln zu können, sollen landesweit 100.000 zusätzliche Krankenhausbetten bereitstehen. Doch es fehlt an medizinischem Personal. Hunderte Ärzte sind selbst infiziert, mehr als hundert sind bereits an der neuen Krankheit gestorben.

Allerdings wollen viele Studenten diese Lücke nicht füllen – aus Angst, sich selbst anzustecken und weil sie sich nicht für qualifiziert genug halten. „Wir sind noch keine Ärzte“, kommentiert Alexandra. „Wir haben Angst, dass wir nicht helfen können, sondern nur die Infektion weiterverbreiten. Wenn es für die richtigen Ärzte an Schutzausrüstung mangelt, dann bezweifle ich, dass es für uns genügend gibt.“

In einem anonymen Aufruf in den Online-Netzwerken appellieren Medizinstudenten der Moskauer Pirogow-Universität an den Rektor, nur Freiwillige einzusetzen. Weder die Universität noch das Gesundheitsministerium reagierten auf die Bitte um eine Stellungnahme.

Die stellvertretende Rektorin der Setschenow-Universität, Tatjana Litwinowa, versichert, dass es an ihrer Hochschule keine Zwangsdienste auf Corona-Stationen und Sanktionen gebe. „Wenn ein Student das nicht machen will, kann er sein Praktikum woanders absolvieren“, sagt sie und widerspricht damit dem offiziellen Dekret.

Die oppositionelle Ärztegewerkschaft kritisiert die Zwangsverpflichtung von Studenten in der Corona-Krise. „Selbst im letzten Studienjahr haben sie nicht die nötige Erfahrung, um unter diesen Bedingungen zu arbeiten“, so Gewerkschaftssprecher Iwan Konowalow. Schuld an dem Ärztemangel seien die Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre.

Medizinstudenten starteten bereits eine Online-Petition gegen das Dekret. Andere mobilisieren auf Instagram gegen die „Zwangsarbeit“. Doch der Protest der Studierenden kommt nicht bei allen gut an. „Warum habt ihr denn diesen Beruf gewählt?“, schreibt eine Nutzerin bei VK.com, der russischen Antwort auf Facebook. „Um Leben zu retten!“