Berlin - Die Deutschen glauben, dass jeder fünfte Mensch in Deutschland muslimischen Glaubens sei. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos. Doch das ist weit gefehlt. In Wirklichkeit ist es laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nur einer von zwanzig. Der geschätzte Anteil der in Deutschland lebenden Muslime ist damit vier Mal höher als in der Realität.

Doch Deutschland liegt mit dieser verzerrten Wahrnehmung nicht allein. Für die Studie wurden zwischen September und November 2016 knapp 30.000 Menschen zwischen 16 und 64 Jahren in 40 Ländern zur Bevölkerungsstruktur und zu gesellschaftsrelevanten Themen befragt. Dabei kam heraus, dass in fast allen Ländern der Anteil der Muslime stark überschätzt wird.

Wahrnehmung in muslimischen Ländern umgekehrt

Beispielsweise wird in Frankreich durchschnittlich vermutet, dass 31 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind, tatsächlich sind es nur 7,5 Prozent. Aber auch Länder wie Italien (20 zu 3,7 Prozent) und Belgien (23 zu 7 Prozent) liegen deutlich daneben.

Nicht besser sieht es in den USA und Kanada aus: Vermutet wird, dass 17 Prozent der Menschen muslimisch seien, in Wahrheit liegt der Anteil allerdings nur ein beziehungsweise drei Prozent. In den traditionell muslimischen Ländern verhält es sich genau umgekehrt: In der Türkei glauben die Menschen, dass 81 Prozent der Menschen muslimisch seien, tatsächlich sind es aber 98 Prozent.

Ähnlich weit klafft die Lücke zwischen wissenschaftlicher Prognose und gefühlter Wahrheit bei der Frage, wie hoch die Studienteilnehmer den Anteil der Muslime für die Zukunft einschätzen. Danach glauben die Deutschen, dass im Jahr 2020 ein Drittel der Bevölkerung muslimisch seien. Tatsächlich wird laut des Pew Research Centers nur ein Anstieg auf 6,9 Prozent erwartet.

„Nur radikale Muslime in öffentlicher Debatte“

„Es überrascht mich nicht, dass die Befragten so falsch lagen. Das begegnet mir täglich. Aktuell diskutieren wir ja auch monatelang ein Burka-Verbot, obwohl es fast keine Burka-Trägerin in Deutschland gibt. Abgeleitet aus der Flüchtlingskrise wurde die Islamisierung des Abendlandes heraufbeschworen und gezielt Stimmung gegen Muslime gemacht, inzwischen beschäftigen sich sogar Parteiprogramme mit der Rolle von Muslimen in Deutschland. Verständlich, dass viele Menschen glauben, der Anteil von Muslimen müsse viel höher sein“, sagte die Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoguz, dieser Zeitung.

„Fakt sei aber, dass wir in der öffentlichen Debatte nahezu nur radikale Muslime kennen. Wir übersehen dabei die große Mehrheit der Muslime, die ihren Glauben mehr oder weniger intensiv praktizieren und völlig friedlich mit ihren Nachbarn zusammenleben“, sagte Özoguz weiter. Diese Muslime seien für uns unsichtbar. Weil sie nicht wahrgenommen würden, entstünden Ängste. Dies führe zu solchen subjektiven Fehleinschätzungen.

Austausch der Religionsgemeinschaften gewünscht

Fakten und Aufklärung könnten wenig ausrichten, glaubt die SPD-Politikerin. „Vorbehalte sind dort am größten, wo man sich gar nicht begegnet.“ Özoguz begrüßt deshalb den Austausch vieler Religionsgemeinschaften vor Ort in den Kirchen, Synagogen und Moscheen. „Durch die gegenseitigen Einladungen können Ängste und Vorbehalte abgebaut werden“, betonte sie.