Berlin - „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“, lautet ein Sprichwort. Für die Herausforderung, die sich dem deutschen Schulsystem durch die Flüchtlingskrise stellt, bedeutet das: Es braucht möglichst alle Lehrer, um Flüchtlinge gut auszubilden und zu integrieren – nicht nur ein paar wenige Spezialisten. Das ist eine der Hauptforderungen, welche der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration erhebt. Und zwar auf Grundlage einer Studie, die er gemeinsam mit dem Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache erstellt hat.

Die Sachverständigen der Stiftungen und die Wissenschaftler des Instituts an der Universität Köln sind sich sicher: Ein paar Stunden bei einer Fachkraft für Deutsch als Zweitsprache reichen nicht aus. Wenn auch der Mathelehrer weiß, wie er im Unterricht mit Kindern mit Sprachproblemen umgehen kann, geht es schneller voran. Soweit der Anspruch, den die Experten formulieren.

Aber: Werden Deutschlands Lehrer hinreichend auf diese Aufgabe vorbereitet? Allzu oft lautet die Antwortet leider nein, befindet die Studie. Im Studium sei der Umgang mit Vielfalt oft nur ein Randthema. Nur in fünf Bundesländern – darunter Nordrhein-Westfalen und Berlin – seien Kurse zum Thema Sprachbildung für alle angehenden Lehrer gesetzlich vorgeschrieben. Die Hochschulen in den Ländern Hamburg und Bremen haben sich auch ohne entsprechende Regelung dafür entschieden, heißt es in der Studie weiter.

Sprachliche und kulturelle Unterschiede

Und was ist mit den anderen? „Im übrigen Teil der Republik steigen Lehrkräfte in diesen Bereich weitgehend unvorbereitet in den Schuldienst ein“, schreiben die Wissenschaftler. „Denn auch im Referendariat überlassen es die meisten Länder dem Zufall, ob junge Lehrkräfte lernen, pädagogisch angemessen mit sprachlichen und kulturellen Unterschieden umzugehen, oder nicht.“ Ein aufrüttelnder Befund – wenn man bedenkt, dass das Thema Migration eben nicht erst seit der Flüchtlingskrise ein Thema für das deutsche Bildungssystem ist. Die Forscher sagen zwar, die Bildungspolitik bewege sich allmählich – aber zu langsam.

Wenn schon die Ausbildung häufig lückenhaft ist, wird dies dann wenigstens durch gute Fortbildungen im Beruf ausgeglichen? Der Sachverständigen-Rat und das Mercator-Institut geben ein zurückhaltendes Urteil ab, da das Fortbildungsangebot in den einzelnen Ländern schwer vergleichbar sei. Die Autoren der Studie verweisen aber darauf, dass gute Fortbildungen Theorie und Praxisübungen, zum Beispiel Rollenspiele, miteinander verbinden müssten. „Das braucht Zeit“, schreiben sie. Meist könnten Lehrer aber nur Tages- oder Halbtagesveranstaltungen besuchen, zwischen denen kaum ein inhaltlicher Zusammenhang bestehe. Veränderungen im Unterricht könnten so nicht erreicht werden.

Forbildungen, die nichts bewegen

„Das Erstaunliche ist doch, dass vor allen solche Fortbildungen angeboten werden, von denen wir wissen, dass sie nichts bewegen“, sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts. Ernüchternd sei das Ergebnis zudem, da sich die Bundesländer bereits 1996 mit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz zum Ausbau interkultureller Aus- und Fortbildungsangebote verpflichtet hätten.

Angesichts einer vielfältigen Schülerschaft geht die Studie übrigens davon aus, dass alle Kinder und Jugendlichen etwas von mehr Lehrern mit Kenntnissen zum Thema Sprachbildung hätten – nicht nur jene mit Migrationshintergrund. Von mehr Sensibilität für individuelle Förderung profitierten alle, heißt es. Und: Es gebe auch deutsche Kinder, die sich mit der eigenen Sprache schwertäten.