Berlin - Rechtspopulistische Ansichten sind in Deutschland weiter verbreitet als noch vor zwei Jahren: Mehr als ein Viertel der Deutschen vertritt inzwischen „neurechte“ Einstellungen. Das ergab die neue Ausgabe der repräsentativen „Mitte“-Studie, die das Institut für Konflikt-und Gewaltforschung der Uni Bielefeld seit 2002 für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt.

Die Neue Rechte formt mit Begriffen wie „Identität“ und „Widerstand“ eine neue national-völkische Ideologie, erklärten die Autoren zur Vorstellung der Untersuchung am Montag in Berlin. Der offene Rechtsextremismus werde abgelöst von einer salonfähigeren, modernen Variante rechten Gedankengutes, die auch aufbaut auf Verschwörungsmythen wie der gezielten Unterwanderung durch den Islam, auf der Verunglimpfung des Establishments und der Beschwörung eines Meinungsdiktats durch Staat und Medien. Beflügelt durch den Unmut über aktuelle Zustände sei diese in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Deutschland soll unterwandert werden

So sind rund 40 Prozent der Teilnehmer der Ansicht, die Deutschland werde durch den Islam unterwandert. Jeder Fünfte äußerte muslimfeindliche Einstellungen.

Während die Mehrheit entgegen einiger Bekundungen nach wie vor und explizit demokratische Grundwerte vertrete, „teilt eine nicht ganz kleine und umso lautere Minderheit Positionen gegen Modernisierung, Liberalität und Weltoffenheit, zu denen im Kern die Anerkennung von Vielfältigkeit und Gleichwertigkeit gehört“, schreiben die Autoren.

Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen sind dabei signifikant: Im Osten ist die Fremdenfeindlichkeit mit 28,8 Prozent wesentlich höher als im Westen mit 18, 6 Prozent. Einen ähnlichen Unterschied gibt es auch bei den Themen Muslimfeindlichkeit und Abwertung von Asylsuchenden.

Bessere Stimmung als erwartet

Auf der anderen Seite sind die Einstellungen zur Flüchtlingsaufnahme insgesamt positiver als erwartet. Über die Hälfte (56 Prozent) der Befragten findet es gut, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. 24 Prozent finden es „teils-teils“ gut. Jeder Fünfte ist eher negativ eingestellt und findet es „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ gut.

Deutschland befinde sich in einer Zerreißprobe, sagte Studienautor Andreas Zick. „Während sich viele von rechtspopulistischen Meinungen leiten lassen und aggressiver gegen Eliten und vermeintlich Fremde geworden sind, sind andere bereit, sich noch mehr für die Integration zu engagieren.“

AfD und der rechte Zulauf

Zudem untersuchte die Studie die Entwicklung der AfD. Die Partei habe nicht nur zahlenmäßig Zuwachs bekommen, sondern sei auch rechter und radikaler geworden. Unter AfD-Wählern vertreten 84 Prozent die „neurechten“ Werte und 68 Prozent sind fremdenfeindlich eingestellt. Bei den etablierten Parteien sind das zwischen sechs Prozent (Grüne) und fast 16 Prozent (CDU/CSU).

AfD-Sprecher Jörg Meuthen wies die Einschätzungen über seine Partei prompt zurück: „Wieder einmal werden Steuergelder für billige Polit-Propaganda missbraucht“, erklärte er. „Die AfD hat sich mitnichten von ihren Kernthemen Euro, Zuwanderung und Innere Sicherheit entfernt.“ Man wolle ansgesichts der für die Altparteien wie die SPD dramatischen Umfrageergebnisse die AfD in die rechte Ecke stellen.

Die „Mitte“-Studie wird alle zwei Jahre von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben, gemeinsam mit der Universität Bielefeld (IKG). Dabei wird untersucht, wie minderheitenfeindliche oder rechtsextreme Ansichten in den mittleren Bevölkerungsschichten vertreten sind. Für die Erhebung wurden in diesem Jahr rund 1900 Personen telefonisch befragt.