Berlin - Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass Fremde von ihren Balkonen herab die Menschen mit Applaus feierten, die sich um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmern: die Pflegerinnen und Pfleger in Altenheimen und Krankenhäusern. Es war eine ungewohnte Zurschaustellung der Anerkennung vonseiten der Bevölkerung, und sie warf ein Schlaglicht auf die Situation der Pflegebranche.

Doch wie geht es den Pflegenden in der Corona-Pandemie wirklich, die gerade während der Besuchsbeschränkungen in vielen Einrichtungen während des ersten Lockdowns die engsten Bezugspersonen der Bewohnerinnen und Bewohner waren?

In einer über zwölf Wochen durchgeführten Studie der Diakonie und der Evangelischen Arbeitsstelle midi wurden mehr als 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie in der stationären und ambulanten Altenpflege und in Hospizen befragt, wie sie die Monate zwischen März und August 2020 erlebt haben, wie sie die Arbeitssituation und den Pflegealltag bewerkstelligen, wo sie Handlungsbedarf sehen und welche Forderungen sie haben.

Wenig überraschend hat sich das Arbeitspensum für eine große Mehrheit (70 Prozent) der Pflegenden erhöht; mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Befragten gab an, dass während der Covid-19-Pandemie eine verstärkte Personalknappheit geherrscht habe, besonders im stationären Bereich der Altenhilfe. 71 Prozent der Befragten sagten, dass sich Kollegen in Quarantäne begeben mussten, bei fast der Hälfte wurden im Kollegenkreis Mitarbeitende coronabedingt freigestellt.

Bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch schilderte Angela Noack, Pflegedienstleiterin der Diakonissenanstalt Emmaus in Niesky (Oberlausitz), dramatische Verhältnisse während der ersten Corona-Welle: „Wir mussten von heute auf morgen auf 50 Prozent der Kollegen verzichten. Eine enge Betreuung und Begleitung war kaum noch möglich.“ Auch hätten die Pflegekräfte und ihre Partner im Privaten unter Ausgrenzung gelitten.

Die Pandemie verschärft den ohnehin bestehenden Pflegenotstand. Laut einer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie der Universität Bremen fehlen in Deutschland insgesamt rund 100.000 Pflegekräfte in Pflege- und Altenheimen. „Die Personallage ist die eigentliche Achillesferse der Pflege“, sagte auch Diakonie-Präsident Ulrich Lilie am Mittwoch.

Pflegekräfte sind deutlich häufiger krank

Der am Dienstag veröffentlichte Pflegereport der Barmer Krankenkasse zeigt zudem, dass Pflegekräfte im Vergleich zu Beschäftigten in anderen Berufen deutlich häufiger krank sind. Waren zwischen 2016 und 2018 etwa 8,7 Prozent aller Hilfskräfte und 7,2 Prozent aller Fachkräfte krankgeschrieben, belief sich dieser Wert in allen anderen Berufen auf nur 5 Prozent. Insbesondere psychische Erkrankungen und Rückenleiden führten zu langen Fehlzeiten.

Der Pflegereport lese sich „wie eine Anklageschrift der Pflegekräfte“, sagte Pia Zimmermann, pflegepolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, der Berliner Zeitung. Die Bundesregierung nehme die schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege bewusst in Kauf, um die Kosten niedrig zu halten.

Kordula Schulz-Asche, die alten- und pflegepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, spricht von einem „Warnsignal“. „Es braucht moderne Pflegekonzepte, um die Arbeitsbelastung zu verringern, und alters- sowie geschlechtssensible Personalkonzepte, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erhöhen“, sagte sie der Berliner Zeitung.

Die Studie der Diakonie birgt immerhin eine gute Nachricht: Insgesamt hat die Pandemie dem Vertrauen der Pflegekräfte in die eigenen Fähigkeiten offensichtlich wenig anhaben können. So gaben 80 Prozent der Pflegekräfte an, zwischenzeitlich sehr gut oder zumindest gut mit der Pandemie zurechtzukommen. „Nicht zuletzt dürfte der Zusammenhalt unter den Kolleg*innen dazu beigetragen haben, den 90 Prozent als motivierend für die Arbeit in den außergewöhnlichen Pandemie-Zeiten bezeichnet haben“, schreiben die Studienautoren.

Die größte Sorge: Pflegebedürftige anzustecken

Mehr als die zusätzliche Arbeit belastete die Befragten laut Studie die Ungewissheit, möglicherweise unwissentlich Überträger des Coronavirus zu sein oder Pflegebedürftige mit Covid-19 anzustecken. Entsprechende Angaben machten 85 Prozent. Um die eigene Gesundheit sorgten sich nur 60 Prozent der Pflegekräfte.

Damit einher geht der als gravierend empfundene Mangel an Schutzausrüstung während des ersten Lockdowns. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass in dieser Zeit nur sehr wenige oder überhaupt keine einfachen Mundschutze vorhanden gewesen seien, bei zwei Dritteln der Pflegenden fehlten schützende FFP2- und FFP3-Masken. Nur 17 Prozent erklärten, dass es in der Einrichtung genügend Testkapazitäten gegeben habe. Zwar habe sich die Situation nach dem ersten Lockdown etwas entspannt; vor allem medizinische Schutzmasken fehlten einem Viertel der Befragten nach wie vor. Die Ausstattung mit genügend Schutzausrüstung und ausreichenden Testmöglichkeiten gehört dementsprechend zu den Hauptforderungen der befragten Pflegekräfte.

Der Applaus von den Balkonen hat hingegen weniger als der Hälfte der Befragten gutgetan. Was sich die Beschäftigten stattdessen wünschen, sind strukturelle und nachhaltige Verbesserungen der Rahmenbedingungen ihrer Arbeit – also bessere Arbeitszeitregelungen und eine angemessene Entlohnung.

Die Anfänge dafür sind gemacht; mit dem Pflegeverbesserungsgesetz sollen 20.000 neue Assistenzstellen in der Altenpflege geschaffen werden. Die Pflegereform 2021 sieht außerdem unter anderem vor, Pflegekräfte besser zu bezahlen.

Veränderungen, die aus Sicht der Studienautoren überfällig sind. „Die schlechten Arbeitsbedingungen und das geringe gesellschaftliche Ansehen von Pflegekräften führen zu einem Protest, der oft nicht als solcher wahrgenommen wird“, schreibt Heike Prestin, Referatsleiterin Altenhilfe, Pflege, Hospiz bei der Diakonie: Nach durchschnittlich acht Jahren verlassen Pflegekräfte ihren Beruf.