Stümperhaftes und brutales Verbrechen: Ermittler im Fall Anneli sind fassungslos

Dresden - Der Bauernhof in Lampersdorf bei Meißen ist abgesperrt, neben der Einfahrt liegen trotz des Dauerregens immer mehr Blumensträuße, Karten, Kerzen, letzte Grüße, seit am Dienstag bekannt geworden ist, welches Drama sich auf dem verlassenen Gehöft abgespielt haben muss.

Vermutlich am Freitag ist dort die 17-jährige Schülerin Anneli ermordet worden. Genaueres weiß man noch nicht. Das Mädchen, das Tags zuvor abends beim Spaziergang mit Hund entführt worden war, wurde laut Bild-Zeitung nach Angaben des Dresdner Oberstaatsanwaltes Erich Wenzlick mit einem Gurt stranguliert. Anschließend wurde der Leichnam entkleidet und hinter einer Mauer verscharrt.

Nach dem Ergebnis der Obduktion, die am Mittwoch beendet wurde, ist jedoch weiterhin unklar, wie und wann genau das Mädchen zu Tode kam. Die konkrete Todesursache stehe noch nicht fest, so Oberstaatsanwalt Lorenz Haase am Mittwoch. „Es sind weitere Untersuchungen notwendig, die mehrere Wochen in Anspruch nehmen werden.“

Selbst hart gesottene Ermittler der Dresdner Kripo stehen fassungslos vor einem Verbrechen, das ebenso stümperhaft wie brutal durchgezogen wurde. Ein 39-jähriger arbeitsloser Koch und ein 61-jähriger gelernter Forstwirt, von Beruf angeblich Metallhändler, sollen die Tochter eines Bauunternehmers getötet haben. Der Jüngere ist ein zweifacher Familienvater, der bis vor kurzem selbst mit Frau und Kindern auf dem Hof gelebt hat, auf dem Anneli ums Leben kam. Ihn nahm die Polizei in Bayern fest. Der andere Verdächtige aus Dresden ist nach Zeitungsberichten ein alleinstehender „Lebemann". Beiden gemeinsam: Sie sollen hoch verschuldet gewesen sein.

Verbrechen über den Kopf gewachsen

Die Verdächtigen sitzen seit Montag in Untersuchungshaft. Der Ältere soll ein Teilgeständnis abgelegt und den Hinweis gegeben haben, wo der Leichnam vergraben wurde.

So unglaublich es klingt, aber beiden Männern soll das Verbrechen schlicht über den Kopf gewachsen sein. Sie hatten keinen wirklichen Plan: Sie waren nicht maskiert, als sie Anneli entführten. Sie hatten auch offensichtlich keine Vorstellungen, wie die Übergabe der geforderten 1,2 Millionen Euro Lösegeld über die Bühne gehen sollte. Ihre Forderung, das Geld per Onlinebanking überweisen zu lassen, scheiterte daran, dass so etwas in dieser Höhe gar nicht so einfach geht. Die Polizei nimmt an, dass danach alles aus dem Ruder lief und das Mädchen spätestens am Freitag umgebracht wurde, weil sie die Männer hätte identifizieren können. „Dilettantisch und brutal“, beurteilt ein Ermittler den Tathergang. „Motiv war sicher auch Habgier gewesen“, so Oberstaatsanwalt Wenzlick.

Der 61-Jährige Verdächtige war angeblich zwei Mal verheiratet, beide Ehen scheiterten, beide Frauen soll er finanziell ausgenommen haben. In den 1990ern soll der Mann zudem einen Blumenladen in Wilhelmshaven betrieben und heruntergewirtschaftet haben. Seiner Verpächterin schuldet er heute noch 35.000 Euro. Freunde habe der 61-Jährige abgesehen von seinem Komplizen nur wenige gehabt.

Tatverdächtiger durchs Bild gelaufen

Der 39-Jährige Koch, Vater zweier Jungen, soll erst im Juni bei Bamberg ein Haus für 350.000 Euro gekauft haben. Der Hof, auf dem Anneli vermutlich starb, habe seiner Schwiegermutter gehört. Der Mann ist polizeibekannt: Er ist wegen Versicherungsbetrugs, Brandstiftung und wegen eines Sexualdelikts in Erscheinung getreten. Hinweise auf ein Sexualdelikt gibt es laut Polizei im Mordfall Anneli aber nicht, obwohl die mit Erde bedeckte Leiche nackt war. Die Täter hätten versucht, die Kleidung zu verbrennen, um die Tat zu verschleiern. Den 39-Jährigen fand die Polizei schnell über DNA-Spuren am Tatort, den 61-Jährigen, weil er ihnen bei der Observation des anderen „einfach durchs Bild gelaufen“ sei, so ein Kripobeamter.