Berlin - Die große Wucht ist nicht zu erwarten. Am Sonntag werden sich der Bundespräsident und die Kanzlerin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit einigen wenigen Hinterbliebenen treffen. Mit Angehörigen jener Menschen, die in der Corona-Pandemie gestorben sind. Sie wollen einen Stuhlkreis bilden. Dazu ein bisschen Musik, einige Reden. Den enormen Verlust müssen die Fotos von 120 Verstorbenen versinnbildlichen. Staatsspitze mit vier Angehörigen: Das wird der deutsche Staatsakt für die Toten der Corona-Pandemie sein.

Es klingt ein bisschen klein. Fast 80.000 Menschen sind mittlerweile in Deutschland an und mit Corona gestorben. Dazu kommen die deprimierenden und teilweise dramatischen Umstände, unter denen im vergangenen Jahr überhaupt Menschen gestorben sind – auch ohne das Zutun des Virus. Allein und ohne Begleitung durch Angehörige, ohne die Möglichkeit, Abschied zu nehmen, beigesetzt ohne Freunde und Verwandte. Ein Verscharren ohne Würde. Die große Wucht dieses Sterbens, das Leid, die Verzweiflung – kein Staatsakt könnte das wirklich würdigen, aber dieser schon gar nicht.

Steinmeiers Worte verhallten

Es wurde zu lange gewartet, das ist leider wahr. Im September, als Frank-Walter Steinmeier zum ersten Mal von einem staatlichen Gedenken sprach, verhallten seine Worte im Nichts. Niemand wollte, dass dieser Sommer der wiedergewonnen Freiheit nach dem ersten Lockdown zu Ende geht. Dann im November, als immer mehr Menschen starben, als die zweite Welle übers Land ging und die Zahlen schlecht und schlechter wurden, stellten sich viele in Politik und Gesellschaft gegen ein Gedenken zu diesem Zeitpunkt. Angesichts einer Infektionswelle außer Kontrolle, angesichts vieler, die noch sterben würden.

Das ist natürlich immer noch so. Die Pandemie ist ja noch nicht zu Ende. Anders als im kleinen Kreis und mit strengem Hygienekonzept geht ein solches Gedenken zurzeit gar nicht. Wieder sind wir in einer Phase exponentiell steigender Infektionszahlen und mit einer sich jeden Tag dramatischer entwickelnden Lage in den Krankenhäusern konfrontiert.

Im Bundespräsidialamt hat sich zu dieser Frage mittlerweile Pragmatismus breitgemacht. Es könne kein Zeitpunkt bestimmt werden, an dem die Pandemie vorbei sein wird, heißt es jetzt. Es könne deshalb auch keinen Schlusspunkt geben. Nur ein Innehalten. Es soll trotzdem jetzt ein Raum geschaffen werden für Menschlichkeit, ein Gedächtnisraum. Damit die Gesellschaft sich ihres Verlustes bewusst werden kann. Damit auch die Toten ein Teil dieser Gesellschaft bleiben. Damit niemand mit diesem Sterben allein bleibt, weil der Tod nicht nur ein individuelles Schicksal ist. Vor allem nicht dieser Tod. Die Gesellschaft soll zuhören und Respekt erweisen. Isolation soll nicht das letzte Wort behalten.

Das ist alles richtig. Die Frage ist nur, ob jetzt noch jemand zuhören wird. Viele Menschen sind die Pandemie nicht nur leid. Sie gucken aufs Impfen, auf Lockerungen. Sie wollen da jetzt raus und auch nicht mehr innehalten. Denn sie haben das Gefühl, dass sie die ganze Zeit innehalten.

Natürlich ist ein Gedenken richtig und notwendig. Fast jeder, auch wenn er glücklicherweise selbst keinen Freund oder Verwandten verloren hat, kennt jemanden, dem das passiert ist oder hat zumindest von den dramatischen Umständen gehört oder gelesen. Allein die Vorstellung, die eigene Mutter, den Vater, den Mann, die Frau sterbend im Krankenhaus zu wissen und man kann nicht hin, ist kaum auszuhalten.

Große Geste in Spanien

Man hätte es wie die Spanier halten können, die letzten Sommer mit großer Geste ihrer Toten gedacht haben. Aber das ist nicht geschehen. Letzten Sommer haben hierzulande die meisten – auch in der Politik – noch gedacht, dass wir deutlich besser dastehen als Spanien. Der richtige Zeitpunkt für ein Gedenken wurde so verpasst.

Es noch weiter rauszuschieben, hat aber auch keinen Sinn. Der Staat kann sowieso keine Trauer und Anteilnahme anordnen. Er kann sich nur anbieten, den Menschen, die trauern, zuhören und signalisieren, dass dieser Verlust etwas bedeutet. Dass auch die Gesellschaft als Ganze etwas verloren hat. Dass in diesem Sterben eine besondere Bitterkeit liegt. In diesem Sinne muss ein Stuhlkreis jetzt zu einer großen Geste werden.