Gitter vor dem Berliner Reichstag.
Foto: Johannes Neudecker/dpa

Berlin - Zu den Kritikern der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie gehörte sehr früh in diesem Jahr auch der in Venedig und Paris lehrende italienische Philosoph Giorgio Agamben. Für ihn, den Theoretiker des Ausnahmezustands, waren Maskenpflicht und Abstandsgebote eine staatliche Erfindung, ein Vorwand, um den Ausnahmezustand ausrufen zu können. Politische Macht, so Agamben, legitimiere sich „nur noch in Form des Notstands“ und nicht mehr aus politischen Idealen und Überzeugungen. In Agambens Augen, so fasste es kürzlich der Agamben-Kenner Thomas Assheuer in der Wochenzeitung Die Zeit zusammen, „entblößt die Corona-Krise die Wahrheit der Moderne: Was früher einmal ‚Leben‘ war, ist heute ‚Nur-noch-Leben‘. Das nackte vegetative Leben wird in Krankenhausfabriken intensivmedizinisch betreut und im Todesfall auf Militärlastwagen ins Krematorium abtransportiert.“

Es ist ein kalter Blick, den Agamben im Frühjahr dieses Jahres auf den Notstand in Italien warf. Die Bilder von Lastkraftwagen, die Leichen abtransportieren, hatten auch hierzulande zu der politischen Entscheidung beigetragen, das ganze Land in den Lockdown zu schicken. In Agambens Lesart aber war die Corona-Krise nur eine Bestätigung seiner Theorie vom „Gebrauch der Körper“, in der er sein von vielen Lesern begeistert aufgenommenes Werk über den „Homo sacer“ abschließt. Das Buch formuliere, so Assheuer, eine Radikalkritik an der biopolitischen Staatsmaschine. Giorgio Agamben gilt als Säulenheiliger einer linken Theorie, in seiner Kritik an den Corona-Maßnahmen aber macht er sich mit rechtsradikalen Staatsfeinden gemein, die am Wochenende in Berlin auf das nur schwach geschützte Reichstagsgebäude zustürmten, um eben jenen Ausnahmezustand zumindest symbolisch heraufzubeschwören, den Agamben mit seinem Lebenswerk zu analysieren und zu bekämpfen versucht hat.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.