Eine kopflose Christoph-Kolumbus-Statue in Boston, USA. Die Statue wurde über Nacht zerstört.
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BerlinKolumbus und Churchill hatten bereits das Vergnügen, Gandhi und Kant stecken in der Warteschleife. Statuen werden von Sockeln geholt, zu Wasser gelassen, enthauptet oder farblich ergänzt, unter Jubel und Johlen. Um sich nicht mitfreuen zu können, muss man aber kein Monumentenmessie sein und alle Denkmäler mit Ewigkeitsgarantie versehen wollen. Mit fortdauernder Menschheitsgeschichte brächte das ein Platzproblem. Alter Schrott muss raus, damit neuer reinpasst.

Mich stört die Selbstermächtigung. Dahergelaufene entscheiden mit der Expertise und Differenziertheit eines Vorschlaghammers, wessen gusseiserne Visage der Öffentlichkeit nicht länger zuzumuten sei. Es ist auch eine Stilfrage. Eine allenfalls durch eigene Moral legitimierte Menge, die ihr Mütchen an stummen Steinkameraden kühlt, hat, pardon, was von Lynchmob. Klar, so denkt ein müder Amtsschimmel und kein Revolutionär.

Zudem habe ich eine Schwäche für Memoriale, die nicht nur herumstehen, sondern noch oder wieder diskutiert werden. Neben Verlusten gibt es da auch einen Neuzugang: An einer Gelsenkirchener Straßenkreuzung wird am Sonnabend eine Lenin-Skulptur enthüllt: nur 2,15 Meter groß, aber dafür angeblich die erste auf altbundesrepublikanischem Boden. Der Ort passt. Laut einer Studie bietet Gelsenkirchen seinen Insassen unter 401 deutschen Städten und Kreisen die schlechteste Lebensqualität. Bei Schalke 04 lief es auch schon besser. So ähnlich definierte Lenin eine „revolutionäre Situation“.

Eigentümerin der Plastik ist die MLPD. Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands stellt sich ihren Religionsstifter vor die eigene Zentrale, auf Privatgelände. Die Stadtverwaltung scheiterte vor Gericht mit einem Verbotsversuch. Haha, der Rechtsweg. Schade, dass Lenin nicht selbst kommen kann. Er würde sich amüsieren. Im Einweihungsaufruf heißt es würdigend, der „Staatsmann neuen Typs“ sei „unerbittlich gegen Bürokratismus“ gewesen. Fürwahr. Allen Paragrafenreitern zum Trotz forderte er, „die Verschwörer und Schwankenden zu erschießen, ohne um Erlaubnis zu bitten und den idiotischen Amtsschlendrian zuzulassen“. Null Aktenbewegung verdienten für ihn auch – hier wird es prickelnd für den hedonistischen und erlebnisorientierten Teil der heutigen Berliner Bevölkerung – „Müßiggänger und Rowdys“: „Auswurf der Menschheit“, „verfaulte Elemente“, „Seuche“, „Pest“, „Eiterbeule“. Mal regte er an, formlos „einen von zehn, die sich des Parasitentums schuldig machen“, zu erschießen, mal „Hunderte von Prostituierten, die Soldaten zum Suff verführen“. „Zwielichtige Elemente“ seien in „ein Konzentrationslager außerhalb der Stadt einzusperren“. „100 bekannte Kulaken“ wiederum möge man „aufhängen“, „unbedingt so, dass das Volk es sieht“.

Der Mann machte das nicht aus Daffke, sondern weil es aus seiner Sicht getan werden musste. Zum Wohle des Volkes und so. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Insofern ist die Statue zweckdienlich: Sie mahnt, sich edler Ziele und der zu ihrer Erreichung benutzten Mittel nicht zu sicher zu sein. Gefahr droht ihr aktuell eher nicht: Lenin war ja weder Rassist noch in den Sklavenhandel verwickelt. Beim Festakt gibt es Kaffee und Kuchen. Nichtkommunisten sind ausdrücklich eingeladen. Sie werden voraussichtlich nicht erschossen.