Der frühere SS-Wachmann Bruno D. beim Prozess in Hamburg. 
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HamburgDie Richter in Hamburg haben mit ihrem Schuldspruch gegen den früheren SS-Wachmann Bruno D. ein richtiges, gerechtes und wichtiges Urteil gefällt. Richtig ist es, weil es die Leiden der KZ-Opfer anerkennt und würdigt. Und weil es die Mitschuld aller Beteiligten am nationalsozialistischen Lagersystem bestätigt. Auch eines Wachmanns, der außerhalb des Lagerzauns mit seinem Gewehr auf einem Turm stand. Denn ein Befehl entbindet niemanden von der Pflicht, sich Menschenrechtsverletzungen entgegenzustellen, auch wenn damit das eigene Leben aufs Spiel gesetzt wird. Das ist eine höchst aktuelle Lehre aus dem Hamburger Prozess.

Dass Bruno D. am Ende seines Lebens den Weg wählt, sich in aller Öffentlichkeit seiner unbequemen Vergangenheit zu stellen, nötigt Respekt ab. Auch deshalb ist die Aussetzung seiner Haftstrafe zur Bewährung gerecht. Den Opfern genügte die Feststellung der juristischen Schuld des Angeklagten. Das Gefängnis wollten sie dem 93-Jährigen aber ersparen. Die überlebenden KZ-Insassen von Stutthof zeigten damit eine noble Geste der Vergebung. Gerecht ist das Strafmaß auch daher, weil der damals 17-Jährige kein glühender Nazi war, als man ihn auf den Wachturm befahl, sondern ein eingeschüchterter Jugendlicher, der Widerstand scheute und Angst hatte – was gleichwohl nicht schuldbefreiend wirken darf.

Wichtig ist das Urteil schließlich, weil es die Strafverfolgung gegen weitere, noch lebende KZ-Wachleute ermöglicht. Denn erstmals ist mit Bruno D. ein Wachmann wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden, der nicht in einem für die industrielle Ermordung von Menschen konzipierten Vernichtungslager Dienst tat. Auch in den Konzentrationslagern wurden Menschen systematisch zu Tode gebracht, ohne dass es dafür in jedem Fall Gaskammern brauchte. Wer diese Gräuel gesehen und sich nicht dagegen gestellt hat, ist schuldig – das ist die Botschaft des Hamburger Urteils.