Berlin - Wortlos ging auch dieses Treffen  zu Ende. Sigmar Gabriel setze sich ins Auto und verließ das Kanzleramt als erster. Wenig später folgten, ebenfalls in ihren Limousinen, Angela Merkel und Horst Seehofer.

Treffen der Parteichefs dauerte nur eine Stunde

Nicht mal eine Stunde waren die drei Parteivorsitzenden von CDU, CSU und SPD zusammengesessen, um über eine besonders heikle Personalangelegenheit zu sprechen: über den Bundespräsidenten-Kandidaten. Dann war alles klar. Oder etwa doch nicht?

„Am Montag wird es eine Lösung geben“, hieß es in Koalitionskreisen. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass die Koalition gemeinsam für Außenminister Frank-Walter Steinmeier votiere, für einen SPD-Politiker also. Der SPD ist das recht, schließlich hatte Gabriel seinen Parteifreund vor kurzem vorgeschlagen, der in den Umfragen wie viele der vom Parteienstreit oft etwas weiter entfernten Außenminister die Beliebtheitslisten anführt.

Die Union allerdings müsste für diese Lösung schlucken: Gabriels Vorstoß kam ohne Absprache, nachdem sich die Koalition eigentlich geschworen hatte, gemeinsam zu suchen. Und viele Unionspolitiker hatten einen eigenen Kandidaten von CDU/CSU gefordert, um ihrem Machtanspruch zu demonstrieren.

Eine Kampfkandidatur

Schließlich stelle man im Bundestag die größte Fraktion. Eine Kampfkandidatur also. Allerdings haben dem Vernehmen nach mehrere potenzielle Kandidaten der Kanzlerin abgesagt, darunter der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert, ein glänzender Redner, der in seinem bisherigen Amt schon stark auf Überparteilichkeit achtete.

„Lieber Steinmeier als gar keinen Kandidaten“, hieß es daher in der Union am Sonntag.  Ein weiteres Abwarten sei nicht vermittelbar. In beiden Parteien gilt der Minister nicht als rotes Tuch – anders als etwa für die Linkspartei, die Steinmeier wegen dessen Unterstützung der Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht mittragen würde.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter lobte Steinmeier dagegen in der ARD als „respektablen Politiker und guten Außenminister“. Denkbar also, dass der SPD-Mann ein Konsenskandidat über die große Koalition hinaus würde.

Seehofer begeistert von Kretschmann

Merkels Konsens-Idee, der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, schien wegen des Widerstands der CSU keine Chance zu haben. Man könne keinen Grünen unterstützen und dann vor der Bundestagswahl vor Rot-Rot-Grün warnen, hieß es dort. Allerdings hatte Seehofer mehrfach seine Begeisterung für Kretschmann kund getan.

Für die CDU hätte sein Aufstieg ins höchste Staatsamt den Charme, dass sie bei der nächsten Landtagswahl in Baden-Württemberg nicht mehr gegen den Mann antreten müsste, der sie bei der letzten Wahl auf den zweiten Platz verwiesen hat.

Sollte Steinmeier tatsächlich der gemeinsame Koalitionskandidat werden, ist das ein klarer Sieg für für Gabriel. Der Ruf nach seiner Kanzlerkandidatur dürfte prompt folgen. Am Wochenende hatte sein potenzieller Konkurrent, der derzeitige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, das Hohelied auf den Parteichef gesungen.

Für die Union stünden neue Streitereien ins Haus: „Das hätte sich Merkel zuzuschreiben“, hieß es schon in der CSU. Ihr sei es dann ja nicht gelungen, einen Unionskandidaten zu finden.  Es kann sein, dass die Kanzlerin dennoch auf Konsens setzt. CDU-Vize Thomas Strobl sagte im ZDF, es sei nicht gut, aus der Präsidentenfrage eine parteipolitische Auseinandersetzung zu machen.

Merkel immer noch für eine Überraschung offen

Aber vielleicht zieht Merkel doch noch jemanden aus dem Hut. Da gibt es ja auch noch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die 2010 schon einmal gerne Präsidentin werden wollte, der die Kanzlerin dann aber Christian Wulff vorzog. Die scheidende CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt wäre ein Friedensangebot an die Schwesterpartei. Sie würde, wie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, allerdings wohl gegen Steinmeier Schwierigkeiten haben.

Neuester Namen im Personalkarussel war am Wochenende der von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, einst Merkels wirtschaftspolitischer Berater im Kanzleramt. Er wäre mit 48 Jahren zumindest der jüngste Bundespräsident der Geschichte.

Steinmeier gab am Sonntagabend ganz gewohnt den Außenminister: In Brüssel beriet er mit seinen EU-Kollegen über die Folgen aus Donald Trumps Sieg bei ganz anderen Präsidentschaftswahlen.