Mangaung - Hupend brausten die Fans durch die Stadt, schmetterten überall ihre Siegeshymnen. Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) wählte am Dienstag den 70-jährigen Staatspräsidenten Jacob Zuma mit großer Mehrheit wieder zum Chef der in Südafrika nahezu allmächtigen Partei. Er errang 2 983 Stimmen. Nur 991 Delegierte votierten für seinen Gegenkandidaten, den Vizepräsidenten und bisher stellvertretenden Parteichef Kgalema Motlanthe. Er wird in seiner Parteifunktion vom Ex-Gewerkschafter und Multimillionär Cyril Ramaphosa, einem Zuma-Anhänger, abgelöst.

Dem Triumph Zumas ging eine zermürbende Wahlprozedur voraus, die bis in die Morgenstunden dauerte. Eigentlich war die Wahl der Führungsspitze bereits für den Montagnachmittag angesetzt worden. Doch gab es Zweifel an der Legitimität einer Reihe von Delegierten.

Nominierungsparteitage der ANC-Provinzen im Vorfeld des Kongresses waren von zum Teil heftigen Auseinandersetzungen überschattet gewesen. Erst am Freitag hatte das Verfassungsgericht das Exekutivkomitee des ANC in der gastgebenden Provinz Free State und die Entscheidungen einer Provinzkonferenz im Juni für ungesetzlich und ungültig erklärt. Kläger waren sechs Anhänger des nun unterlegenen Motlanthe, die sich von der herrschenden Clique in der Partei ausgebootet fühlten. ANC-Führer drohen den Abweichlern mit Parteiausschluss.

Konfusion um Mitternacht

Am Montagabend irrten Grüppchen von Delegierten über den riesigen Campus der Universität des Free State, wo der ANC seit Sonntag tagt. Sie warteten auf Instruktionen, suchten nach dem Wahllokal. Gegen Mitternacht campierten Tausende Menschen, hungrig und müde, vor dem Gebäude, in dem die zweihundert Wahlkabinen aufgebaut waren. Die Konfusion wuchs. Die Wahlkommission kämpfte noch immer mit Unstimmigkeiten in den Delegiertenlisten. Erst nach ein Uhr am Dienstagmorgen begann die Abstimmung. Die Delegierten der Provinz Limpopo mussten bis sieben Uhr ausharren, bevor sie ihre Stimmzettel ausfüllen durften.

Zwischen den Jubelchören für Zuma machten auf dem Parteitag immer wieder enttäuschte Delegierte ihrer Frustration mit der Politik der seit 1994 regierenden Partei Luft. Eine Frau aus der Youth League, der Jugendorganisation der Partei, berichtete von undurchsichtigen Machenschaften in ihrer Gemeinde, erzählte von Projekten zur Hebung des Lebensstandards der Ärmsten, die immer wieder im Sande verlaufen. Von öffentlichen Aufträgen, deren einzig sichtbarer Effekt die Bereicherung der Freunde und Verwandten hoher ANC-Funktionäre ist. „Das muss ein Ende haben. Sonst werden die Leute bald auf uns spucken“, sagte sie. „Ich schäme mich. Wir Jugendlichen sind gut ausgebildet. Aber wir finden keine Arbeit.“

Teure Fahrzeuge

Die meisten der über 4000 Delegierten sind zu Fuß unterwegs. Dazwischen aber fallen immer wieder gut gekleidete Männer und Frauen auf, die in teuren Fahrzeugen das Gelände durchqueren. „Unsere größte Krankheit ist die Gier, die Gier und wieder die Gier“, sagte ein Delegierter aus der Provinz KwaZulu-Natal. „Viele glauben, der ANC sei nur dazu da, sich und die Seinen zu bereichern.“ Der Erfolg des ANC in seiner Provinz basiere vor allem auf Einschüchterungen – „bis hin zu Morddrohungen“. Viele Mitglieder, sagte der Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, hätten Geld erhalten, um für Zuma zu stimmen. Auch er habe vor zwei Tagen 2000 Rand auf seinem Konto vorgefunden. Er werde das Geld nicht anrühren.

Die Provinz KwaZuluNatal, Heimatprovinz von Präsident Zuma, hat seit seiner Machtübernahme im ANC einen enormen Aufschwung erlebt und stellt als mitgliederstärkste Provinz nun fast ein Viertel der Delegierten, mehr als doppelt so viele wie die bevölkerungsreichste Industrieregion Gauteng. Während die Zahl der Anhänger in anderen Regionen stagniert oder sogar fällt, ist sie in KwaZulu-Natal binnen weniger Monate um fast 88.000 gestiegen. Analytiker sprechen von einer „Zulufizierung“ des ANC.

Präsident Zuma präsentiert sich gern als traditioneller Zulu-Patriarch. Er ist mit vier Frauen verheiratet. Sein opulentes Anwesen im Zulu-Dorf Nkandla, das vor allem von Zuma-Freunden aus Politik und Geschäftswelt finanziert wurde, gilt Südafrikas Medien seit Monaten als Symbol für Korruption im Land. Zuletzt wurden dort aufs Staatskosten Unsummen investiert, offiziell, um „die Sicherheit“ der Residenz zu erhöhen.

Skeptische Medien

In seiner Eröffnungsrede hätte Zuma eingeräumt, dass vor allem die Vergabe öffentlicher Aufträge in Südafrika fehlerhaft sei und für das zunehmend schlechte Image der Regierungspartei sorge. Vor allem aber machte er die Medien für die wachsende Skepsis gegenüber dem ANC verantwortlich.

Nach Verkündung des Wahlergebnissen liefen viele Delegierte in T-Shirts mit dem Konterfei ihres „Leaders“ umher. „Der ANC muss nun sicherstellen, dass Träume wahr werden“, sagte ein Abgesandter aus Zumas Provinz KwaZulu-Natal. „Wir müssen besser werden.“

Zuma selbst rief in einer Siegesrede zu Disziplin und Loyalität auf. Glückstrahlend nahm er den Jubel der Mehrheit entgegen. Die Wahl nannte er ein Zeichen für die „Demokratie im ANC“. Er mahnte einen toleranten Umgang mit den Unterlegenen an, bevor er alte Kampfeslieder anstimmte.
Nach der Wiederwahl als ANC-Chef wird Zuma auch für eine zweite Amtszeit als Staatspräsident kandidieren. Seine Wiederwahl scheint trotz scharfer Kritik der Opposition sicher.