So hätten es die Herren gern: Die Frau als dekoratives Traditionselement. 
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Berlin„Es nervt mich so“, sagt Seok Jaeyeon nach Feierabend zu ihrer Freundin, „dass mich mein Vorgesetzter ständig fragt, warum ich keinen Freund habe.“ Was ihn das angehe, klagt die 30-jährige Callcentermitarbeiterin. „Weil ich doch hübsch sei, müsste ich auch jemanden finden, meint er. Aber was denkt der sich?“ Gern würde sich Seok Jaeyeon offen beschweren, aber sie traut sich nicht. Ihre Freundin Jeong Sumi nickt. „Kenn ich. Letztens fragten sie mich bei der Arbeit: ,Hast du deshalb keinen Freund, weil du Feministin bist?‘ Und ich hätte ihnen gerne gesagt: ,Nein, sondern weil Männer wie ihr mich nicht interessieren.‘“

In diesem lauten Restaurant im hippen Seouler Stadtteil Gangnam, in dem die beiden jungen Frauen ihre Alltagssorgen voreinander ausschütten, sitzt ein paar Tische weiter eine Gruppe witzelnder Männer. Als hätten sie den zwei Freundinnen zugehört, ruft einer in amüsiertem Ton: „Die ist doch nicht hübsch.“ Ein anderer entgegnet: „Ach, die geht doch!“ Und während die Männer weitertuscheln, sagt Jeong Sumi gereizt: „In Korea wird es irgendwie noch immer okay gefunden, dass man Personen als Sexobjekte darstellt.“ In anderen Ländern geschehe das vielleicht auch. „Aber hier spricht man das einfach so ohne Scham aus. Und wenn man als junge Frau nicht drüber lacht, heißt es, man hat keinen Humor.“ Seok Jaeyeon verschränkt daraufhin die Arme vor sich: „Die Lust auf Männer ist mir vergangen.“

Männer hassen Frauen

Die Stimmung an diesem Abend ist nicht die beste. Und es ist gut möglich, dass sich zeitgleich noch in diversen anderen Lokalen Südkoreas eine ähnliche Unterhaltung zuträgt. Im ostasiatischen Land ist seit einiger Zeit von einem „gender war“ die Rede, einem „Geschlechterkrieg“. Der Begriff, der im Internet entstanden ist, beschreibt einen zusehends harscher werdenden Streit über Frauen- und Männerbilder. Während der Konflikt maßgeblich in den digitalen Sphären sozialer Medien ausgetragen wird, hat er seinen Ursprung in den sehr realen Strukturen des Alltags.

Kaum ein liberaler Industriestaat diskriminiert so stark zwischen Mann und Frau. Im Gender Gap Report des World Economic Forum, das die Gleichbehandlung der Geschlechter in den Bereichen Arbeitsmarkt, Politik, Bildung und Gesundheit misst, landet Südkorea auf Platz 108 von 152. Besonders schlecht schneidet Südkorea dabei auf dem Arbeitsmarkt ab. Und Anfang dieses Jahres machte das Land noch auf eine andere Weise Schlagzeilen: Mit einer Statistik von 0,92 Kindern pro Frau hat Südkorea die niedrigste Reproduktionsrate der Welt. Bis auf weiteres wird die Bevölkerung des Landes damit ab 2027 schrumpfen.

Und hört man die Klagen der beiden jungen Frauen, so hängt das eine mit dem anderen direkt zusammen. „Die meisten Männer hassen selbstbewusste Frauen“, sagt Jeong Sumi. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einem Thinktank zählt auf: „Sie wollen nicht, dass du deine eigene Meinung hast und auch lieber nicht, dass du gut ausgebildet bist. Du sollst nur ihre Hausfrau sein. Aber so ein Leben will heute keine moderne Frau.“ – „Deswegen beschimpfen sie uns ja auch als Feministinnen“, sagt Jaeyeon Seok.

Jeong Sumi würde am liebsten nach Europa ziehen und dort studieren.
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„Und wir schimpfen sie als hangukman“, lacht Jeong Sumi nicht ohne Häme. Hangukman übersetzt sich einfach mit „koreanischer Mann.“ Das sei nämlich fast gleichbedeutend mit reaktionären Einstellungen gegenüber Frauen. Nach etwas Schweigen sagt Jeong Sumi: „Wenn die Männer von heute keine Frauen von heute wollen, dann kriegen sie halt keine. Ich konzentrier mich lieber auf meinen Job.“ Damit liegt sie im Trend. Laut der Umfrage einer Jobvermittlungsseite unter gut 1000 Personen haben fast sieben von zehn Südkoreanern keine Zeit für Dates, Partnerschaft oder Heirat, weil sie sich lieber auf den Job konzentrieren.

Der lässt vielen Arbeitskräften sowieso kaum eine Wahl. In fast keinem anderen Industriestaat verbringt man mehr Lebenszeit am Arbeitsplatz. Pro Jahr sind es in Südkorea im Schnitt 630 Stunden mehr als in Deutschland. Das liegt auch daran, dass es sich viele Mitarbeiter nicht erlauben können, rechtzeitig nach Hause zu gehen. Denn ein Drittel der Bevölkerung hat keinen festen Job, wodurch oft Sozialleistungen und Arbeitsplatzsicherheit fehlen. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt zudem mehr als ein Fünftel. Und generell noch einmal extra benachteiligt, trotz gleicher Qualifikationen, sind Frauen.

Diskriminierung im Job

„Die Erwartung in Korea ist oft, dass Frauen nicht so viel verdienen müssen wie Männer, weil sie ja einen Mann heiraten können, der gut verdient“, sagt die Aktivistin Young Na. „Aber auf dem schwierigen Arbeitsmarkt von heute sind auch die Männer mit guten Einkommen zur Mangelware geworden. Und viele Frauen wollen heute sowieso lieber unabhängig sein. Wofür sonst sind sie alle an die Uni gegangen?“ Young Na ist Vorsitzende von SHARE, einer NGO, die sich gegen Ungleichheiten aller Art einsetzt. Begriffe wie „gender war“ und „hanguknam“ kennt sie gut. Die Bezeichnung „Feministin“ versteht Na als Kompliment, nicht als Schimpfwort.

Für Young Na ist „Feministin“ kein Schimpfwort, sondern ein Kompliment.
Foto: Felix Lill

An einem Nachmittag klappt sie in ihrem Büro am nördlichen Rand von Seoul einen Ordner mit Studien auf. „Das Problem ist ganz schön ernsthaft geworden“, sagt sie mit Blick auf die Zahlen vor sich. Unter jungen Erwachsenen, so zeigen Umfragen, führen nur noch vier von zehn irgendeine Art Liebesbeziehung. „Dreiviertel der Frauen zwischen 25 und 29 sind unverheiratet, und von denen zwischen 30 und 34 sind es immer noch 56 Prozent.“ Das Ausbleiben von Hochzeitsfeiern wäre nicht weiter schlimm, wenn dies nicht auf viel mehr deuten würde. „Unverheiratete Paare bekommen nur sehr selten Kinder. Außerdem wollen viele junge Menschen ja auch gar keine Partner mehr haben.“

Zudem haben diverse Geschehnisse in letzter Zeit die Sache nicht besser gemacht. Als im Herbst 2017 die MeToo-Bewegung weltweit Fahrt aufnahm, war in Südkorea etwas Ähnliches bereits explodiert. Ein Jahr zuvor hatte ein Mann, der sich offenbar von Frauen abgelehnt fühlte, auf einer öffentlichen Toilette eine fremde Frau erstochen.

Missbrauch allerorten

Der Vorfall provozierte Demonstrationen von Frauengruppen, die sich über tägliche Diskriminierung beklagten. Eine Regierungsstatistik machte die Runde, nach der alle zwei bis drei Tage eine Frau im Land ermordet wird. Daraufhin gründeten sich auch Gruppen von Männern, die sich kollektiv missverstanden fühlten. Sie seien nicht frauenfeindlich, aber auf Männern laste doch viel mehr Druck, auf dem Arbeitsmarkt einen guten Job zu landen. Deswegen seien feministische Bewegungen polemisch, soziale Brandstiftung.

Anfang 2019, ein Jahr nachdem im weiter südlich von Seoul gelegenen Pyeongchang die Olympischen Winterspiele gestiegen waren, beschuldigte dann die Goldmedaillengewinnerin im Eisschnelllauf Shim Suk-hee ihren Trainer der mehrfachen Vergewaltigung. Bald kamen im Sportsystem zahllose weitere Missbrauchsfälle ans Licht. Im selben Jahr flogen auch koreanische Popstars damit auf, wie sie heimlich Frauen beim Sex gefilmt und Videos hin- und hergetauscht hatten. Sie waren längst nicht die einzigen. Bald wurden landesweit mehrere Kameras in Hotels und Toiletten gefunden, für deren voyeuristische Aufnahmen online gutes Geld bezahlt worden war.

Auch der Arbeitsplatz ist von sexuellem Missbrauch nicht frei. Laut einer Regierungsumfrage mussten acht von zehn weiblichen Arbeitskräften schon solche Erfahrungen machen, besonders oft betroffen sind junge und irregulär beschäftigte Frauen. „Aber meistens wehren sie sich nicht“, sagt Young Na und sieht etwas ratlos aus. „Man hat eben Angst, seinen Job zu verlieren oder danach keine Karriere mehr zu machen.“ Der Job habe für viele Frauen von heute schließlich Priorität, patriarchalen Strukturen zum Trotz. Hochqualifizierte Frauen sind besonders oft kinderlos.

„Wie soll das auch anders sein?“, fragt sich Jeong Sumi am Abend im Restaurant. „Ich habe einen Masterabschluss von einer Top-Universität und trotzdem keine Festanstellung. Ich muss mich auf die Karriere konzentrieren, um irgendeine Art von Sicherheit zu haben.“ Das Kinderkriegen ist in Südkorea durch hohe Ausgaben für die Ausbildung im internationalen Vergleich besonders teuer. Und um daran erst interessiert zu sein, bräuchte Jeong Sumi aber einen Mann, der sie in ihrem Leben unterstützt. „Solche Männer gibt es hier fast nicht. Ich überlege, nach Europa zu ziehen und dort zu promovieren.“