Nach dem Suizid einer elfjährigen Berliner Grundschülerin in Reinickendorf fordern Politiker eine lückenlose Aufklärung des Falls. Die Berliner Schulverwaltung hat angekündigt, den Tod des Mädchens genau untersuchen zu wollen. Am vergangenen Dienstag seien Schule und Schulaufsicht von den Eltern über den Tod des Kindes informiert worden, sagte die Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung.

Seitdem steht eine Frage im Raum, die für Fassungslosigkeit sorgt: Hat das Mädchen sich das Leben genommen, weil es gemobbt wurde? An der Hausotterschule in Reinickendorf gibt es nach Angaben von Eltern seit über einem Jahr verstärkt Mobbingfälle. Betroffen seien alle Altersgruppen, Jungen und Mädchen, alle Nationalitäten, sagte Daniel Richter von der Gesamtelternvertretung der Berliner Zeitung.

Mobbing ist in Deutschland kein Einzelfall. Und längst kein neues Phänomen. Es reicht von abfälligen Kommentaren über die falsche Kleidung bis zu antisemitischem und religiösem Mobbing. Durch den Einfluss der sozialen Netze hat Mobbing eine neue Dimension angenommen.

Mobbing an Schulen weit verbreitet: Franziska Giffey hat Pilotprojekt gestartet

Im vergangenen Sommer wurde in Berlin ein neunjähriger Junge an der deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule antisemitisch gemobbt. Die Direktoren und die Schulrätin wollen nichts gewusst haben.

Vor allem an Schulen ist Mobbing weit verbreitet: Nach einer Pisa-Studie wird an deutschen Schulen fast jeder sechste 15-jährige Schüler regelmäßig Opfer von teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch seine Mitschüler. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat im Sommer ein bundesweites Pilotprojekt zur Bekämpfung von Mobbing gestartet. Schule ist zwar Ländersache, aber der Bund kann unterstützend eingreifen. An 175 Schulen sind seit dem Sommer 200 sogenannte Respect Coaches im Einsatz. Sie sollen schlichten und präventiv tätig sein.

Zwölf Coaches sind seit dem neuen Schuljahr in Berlin unterwegs – auch an einer Schule in Reinickendorf. Die Sozialarbeiter sind jenseits des Unterrichts präsent, um sich mit Konflikten an der Schule auseinanderzusetzen. Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren. Jeder Respect Coach bekommt im Jahr 20.000 Euro, um gemeinsam mit der Schulgemeinschaft geeignete Projekte an seiner Schule umzusetzen.

Mobbing-Problem muss laut Franziska Giffey klar benannt werden

„Es ist erschütternd, welche tragischen Folgen Mobbing haben kann. Es geht durch alle gesellschaftlichen Schichten und jede Schulform“, sagte Franziska Giffey der Berliner Zeitung. Gemeinsam müsse man dagegen vorgehen. „Es fängt damit an, deutlich zu benennen, dass wir ein Problem haben“, sagte die Familienministerin weiter. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) plant in Berlin ein Programm, das sich „Pro Respect“ nennt. Es richtet sich an Schulen, an denen die „Stimmung schlecht“ sei und an denen respektlos miteinander umgegangen werde, sagte ein Sprecher.

Schulen können sich an die Senatsverwaltung wenden, dann würden zwei Sozialarbeiter an die Schulen geschickt. Zudem soll die Anti-Diskriminierungsstelle des Landes personell ausgebaut werden, hieß es aus der Verwaltung. Bisher sind Schulen verpflichtet, extreme Fälle zu melden – zum Beispiel bei Bedrohung, Amok oder Suizid. Laut Senatsverwaltung soll der Kriterienkatalog überarbeitet werden, sodass auch antisemitisches Mobbing gemeldet werden müsse.

„Die Hintergründe müssen aufgearbeitet werden. Mobbing ist zu oft Alltag an Schule oder Arbeitsplatz“, sagte Silke Gebel, Fraktionsvorsitzende der Grünen, der Berliner Zeitung. Es sei wichtig, regelmäßig zu prüfen, ob die Strukturen alle Mobbingfälle auffingen. Sebastian Czaja, Vorsitzender der FDP-Fraktion, sagte, dass zu klären sei, ob „die Schule richtig reagiert“ habe. Eine lückenlose Aufklärung sei unverzüglich einzuleiten, forderte Czaja.