Jerusalem - Dieser Einkauf hält auf. Akribisch wird alles inspiziert, ob die Spitze der Palmenrute auch geschlossen ist, ob die Myrten- und Weidenzweige schön gefächert sind und vor allem, ob der Etrog, eine grün-gelbe Zitrusfrucht, auch ja höchsten Ansprüchen genügen kann. Ein ultraorthodoxer Jude hält die Frucht sogar vor die eigens mitgebrachte Lupe, damit ihm ja kein Makel entgeht, kein winziges Pünktchen, das ein Insekt hineingebohrt haben könnte. So schrumpelig ein Etrog, nicht viel größer als eine Zitrone, aber mit dicker, gerillter Haut, dem unbedarften Betrachter vorkommen mag – beim jüdischen Laubhüttenfest ist er das Schmuckstück.

In Jerusalem gibt es sogar einen eigenen Markt, auf dem in den Tagen vor der Festwoche nichts anderes angeboten wird. Sonntagabend beginnt in diesem Jahr Sukkot, benannt nach der Sukka, hebräisch für Laubhütte. Bis dahin herrscht emsiger Betrieb an den Ständen, die ausschließlich jene Arten anbieten, die laut der Thora nötig sind, um „sieben fröhliche Tage vor dem Herrn“ verbringen zu können. „Sukkot“, schwärmt Josef Sinai, „ist mein Lieblingsfest.“ Wie alle Händler auf diesem Markt hat er seine Etrogs einzeln auf weiche Schaumstoffpolster gebettet, damit keine Druckstelle die kostbaren Früchte verunziert.

Behutsam wie ein Kleinod nimmt Zion, der einer alteingesessenen Jerusalemer Familie sephardischer Juden entstammt, sie in die Hand und führt vor, worauf es alles zu achten gilt. Vor allem im oberen Drittel müsse ein Etrog einfach perfekt sein. Tradition verpflichtet – und kostet. Unter 40 Schekel, knapp zehn Euro, ist ein Etrog nicht zu haben. Für einen erstklassigen Etrog blättern die Kunden sogar bis zu hundert Euro hin. Und wenn es sich noch um ein jemenitisches Exemplar handelt, kann sich der Preis auch schnell verdoppeln. „Weil überliefert ist, dass das jüdische Volk genau diese Sorte beim Auszug aus Ägypten mit sich führte“, erklärt Zion.

Heutzutage kommen die vier Sukkot-Arten fast alle aus den Siedlungsplantagen im Jordantal. Früher hat auch Ägypten Palmwedel, genannt Lulaw, geliefert, „aber nicht immer von einwandfreier Qualität“, auf die seine Kunden so viel Wert legten, sagt Zion. Selbst arme Familien – und von denen gibt es unter den strengreligiösen, schläfengelockten Juden in Jerusalem reichlich – sparen nicht bei der Auswahl ihres Artenstraußes. „Klar, für mich gibt es eine Obergrenze, aber ein paar Hundert Schekel werde ich hier schon lassen“, sagt ein Käufer im abgewetzten schwarzen Anzug.

Über dem Sukkot-Markt liegt ein feiner Zitrusduft, die Qual der Wahl hat durchaus angenehme, beschauliche Seiten. Daheim arten die Vorbereitungen für das Laubhüttenfest schon eher in Arbeit aus. Die meisten Lauben stehen bereits seit Jom Kippur, dem am Mittwoch begangenen jüdischen Versöhnungsfest. Aber ihre Dekoration wird mit immensem Aufwand betrieben. Das Schmücken eines Weihnachtsbaums ist nichts dagegen. Im nahe gelegenen Frommenviertel Nahlaot schleppt Ruthi drei große Kisten gefüllt mit Girlanden, Papierlaternen und selbst gebastelten Glanzbildern an. Ihre Tochter drapiert derweil die oberen Holzleisten der Hüttenwand mit lila Stoffrüschen. Was sie besonders an Sukkot mag? „Die Abwechslung“, erwidert das Mädchen, „dass wir statt drinnen hier draußen alle zusammen essen.“

Das wird ganz schön eng in dieser maximal acht Quadratmeter großen Hütte. Die 43-jährige Ruthi hat elf Kinder und dazu acht Enkel, die sieben Tage lang alle Mahlzeiten, vom Frühstück bis zum Abendbrot, in ihrer Sukka einnehmen werden. „Dieser Brauch soll uns an die Wanderung durch die Wüste erinnern, bei der wir Juden kein festes Dach über dem Kopf hatten und nur Gott uns beschützt hat“, erzählt Ruthi. Ganz wichtig ist deshalb, dass das Hüttendach aus natürlichem Material wie Bambusstäbe, Schilfrohr oder Stroh besteht, durch deren Ritze man nachts die Sterne sehen kann. Und wenn es regnet? Dann, so Ruthi, „rennen wir alle unter eine Plane, die vorsichtshalber für die ganze Nachbarschaft zwischen den Hütten aufgespannt wird.“ Das passiert häufig an Sukkot, der erste Regen fällt in Israel meist im Oktober. „Gott spuckt“, sagen die Religiösen in diesem Fall. Aus der Sicht von Rabbi Schmuel Gleiser wäre das kein gutes Omen.