Berlin - Die meisten Fans der Briefwahl dürften in diesen Tagen wohl bei der CDU zu finden sein. Weil die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg in der dritten Welle der Coronavirus-Pandemie stattfinden, haben sich viele Wählerinnen und Wähler in beiden Bundesländern entschlossen, ihre Stimme nicht im Wahllokal, sondern auf dem Postweg abzugeben.

Und weil sehr viele von ihnen das bereits vor einiger Zeit getan haben, dürfte der Denkzettel für die von Affären geschüttelte CDU zumindest etwas kleiner ausfallen als befürchtet - oder gehofft, je nach Couleur. Trotzdem ist dieser Auftakt ins Superwahljahr 2021 vor allem für die Union eine Klatsche. Gewonnen haben die anderen. 

Und es könnte noch schlimmer kommen. 

Winfried Kretschmann braucht die CDU nicht mehr zum Regieren, rechnerisch hat auch er für eine Ampel eine komfortable Mehrheit. Für die CDU wäre es ein Desaster, wenn sie im Ländle endgültig aus der Regierung flöge, denn der Südwesten war immer Stammland der Union. Tempi passati. Die Prognosen für die FDP haben sogar ein komplett neues Bündnis aus Grünen und Liberalen möglich erscheinen lassen – die Zitrus-Koalition. Die Bild am Sonntag hatte als Einstimmung in den Wahltag eine Limette neben einer Zitrone ab. Das sah verlockend aus, lag aber vielleicht nur daran, dass die Betrachterin schon seit Monaten keinen Cocktail in einer Bar zu sich genommen hat.

Zitrusfrüchte an der Regierung oder nicht – Fakt ist, dass nicht nur die Grünen, sondern auch die FDP zumindest in Baden-Württemberg zu den Gewinnern gehört. Wer weiß, vielleicht wird die Ampel auf Bundesebene zumindest als Gedankenmodell in den nächsten Monaten konkreter werden?

Denn dieses Wahljahr ist so konzipiert, dass gewissermaßen alles auf den 26. September als Höhepunkt zuläuft. Und daher ist klar, dass der Ausgang beider Wahlen, so unterschiedlich die Situation in den beiden Bundesländern ist, von Berlin aus interpretiert wird. Womit wir bei der Wahlverliererin sind.

Ein schwarzer Sonntag für die CDU - als Auftakt für weitere?

Für die CDU könnte die Verluste in beiden Bundesländern zu einem endgültigen Wendepunkt zum Schlechteren werden – und damit zu einem schwarzen Sonntag für den nicht mehr ganz so neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet. Er stand zwar gar nicht selbst zur Wahl, könnte aber in einen Abwärtssog gezogen werden, noch bevor er alle Schubladen in seinem neuen Schreibtisch im Berliner Konrad-Adenauer-Haus eingeräumt hat. Schlechte Wahlergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für die CDU  machen sich im Kampf um die Kanzlerkandidatur gegen den mächtigen CSU-Vorsitzenden Markus Söder gar nicht gut. Aber vielleicht vergeht dem von selbst die Lust, der Kapitän auf einem sinkende Schiff zu werden.

Armin Laschet kann – nach allem, was man derzeit weiß – nichts für die jüngsten Affären, einen Fehler hat er am Sonntag aber schon gemacht. Er überließ es dem Generalsekretär Paul Ziemiak, die Niederlagen zu interpretieren. Führung sieht anders aus.

Wahlverlierer CDU: Der tiefe Fall ist selbst verschuldet

In der CDU wird es nach diesem Wahlsonntag noch mehr rumoren als jetzt schon. Der Höhenflug vom vergangenen Jahr ist beendet. Aber damals war Deutschland auch noch Pandemie-Weltmeister und die Kanzlerin – und mit ihr die Union – als Krisenmanagerin auf einem Beliebtheits-Hoch. Es war klar, dass es dabei nicht bleiben würde. Der tiefe Fall in der Gunst der Wähler, der sich in jüngsten Umfragen zeigte, ist dennoch selbst verschuldet: Zum schlechten Krisenmanagement der vergangenen Monate kamen jetzt auch noch die Masken-Affäre und die Aserbaidschan-Connection hinzu.

Der letztere Skandal schwelt schon länger, aber den wollte die CDU lieber aussitzen. Erst als mit den gierigen Geschäften der Abgeordneten Nüßlein und Löbel klar wurde, dass Wegschauen wohl nicht weiterhilft, begann man halbherzig mit der Schadensbegrenzung. Es wird mehr als das nötig sein, um die Union auch im Bund in der Regierung zu halten. Stand jetzt ist unklar, ob es gelingt. Das Superwahljahr hat begonnen.