Ausschreitungen in Minsk am 11. August 2020 nach den mutmaßlich gefälschten Wahlen in Belarus. 
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Grodno/MinskAm Dienstag begann überall in der Republik Belarus eine gezielte Jagd auf Journalisten, die über die Massenproteste gegen Fälschungen der Wahl des Präsidenten berichteten. In Minsk gilt der Chefredakteur des Portals Nascha Niwa, Egor Martinovitsch, als verschollen. Aliaksandr Paschkewitsch, Redakteur des Geschichtsmagazins Nascha Historyja, wurde am Sonntag als unabhängiger Wahlbeobachter in der Minsker Schule Nr. 99 in der Berut-Straße verhaftet. Und der Lokaljournalist Ruslan Kulewitsch wurde am Dienstag gegen 21 Uhr gemeinsam mit seiner Frau Tatjana in der Stadt Grodno im Nordwesten des Landes festgenommen.

Zuvor hatte Kulewtisch noch mit der Berliner Zeitung (Ausgabe vom 11. August) gesprochen und später auf seinem Blog berichtet, dass sich bis zu 300 Teilnehmer friedlicher Proteste in Polizeigewahrsam befinden. Er schrieb: „Am Abend des 10. August gingen Hunderte von Menschen auf die Straßen von Grodno. Am Nachmittag blockierten Polizeibeamte den Lenin-Platz und den Sowjetskaja-Platz mit Spezialausrüstung und Metallabsperrungen. Die Demonstranten versuchten, sich in Parks in der Nähe des Bahnhofs und des Philharmonie-Gebäudes zu versammeln.“

Vor dem Bahnhofsplatz, an der historischen Strecke zwischen Paris und St. Petersburg, kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei und der Spezialeinheit OMON. Zeugen berichteten, wie diese sogar Menschen aus geparkten Autos herauszogen und verhafteten. Als Reaktion auf die massiven Wahlfälschungen hatten sich die Minsker Bürger sogar mit privaten Autos auf den Weg gemacht. Kulewitsch schreibt: „Nach 23 Uhr war der Verkehr trotz später Stunde wie an einem Wochentag nachmittags. Autos hupten, einige schwenkten weiß-rot-weiße Flaggen und weiße Bänder. Besonders laut war es auf dem Ring in der Nähe des Einkaufszentrums Korona in der Straße der Kosmonauten, auf dem Ring in der Nähe der Philharmonie und an der Kreuzung der Popowitscha-Straße und der Straße der sowjetischen Grenzsoldaten.“

Der belarussische Journalist Ruslan Kulewitsch.
Foto: privat

Der schnellste Reporter von Grodno

Bei Einbruch der Dunkelheit, gegen 23 Uhr, hatten sich die Ereignisse am Kreisverkehr in der Nähe der Philharmonie dann überschlagen. Dort riefen mehrere Hundert Menschen den Slogan der Opposition: „Hoch lebe Belarus!“ Kulewitsch schrieb: „Ein Konvoi von Polizeiautos kam mehrere Male dorthin und versuchte, die Menschen gewaltsam auseinander zu treiben. Dutzende von Menschen wurden festgenommen. Wir wissen von mehreren Opfern, die medizinisch behandelt werden mussten. Ab Mitternacht machten sich die Menschen auf den Weg nach Hause.“

Kulewitsch postete im Internet Videos, auf denen zu erkennen ist, wie auch am anderen Ufer der durch Grodno fließenden Memel am Montagabend Dutzende junge Menschen durch die Straßen liefen und „Lang lebe Belarus“ sowie „Geh weg, geh weg“ riefen. Gemeint ist der seit 1994 autoritär regierende Präsident Lukaschenko. Autofahrer hupten aus Solidarität. Ein anderes Video zeigt, wie vor der katholischen Pfarrkirche am Marktplatz uniformierte OMON-Angehörige Menschen auf der Straße verhafteten.

Der für die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza in Grodno arbeitende Journalist Andrzej Poczobut kommentierte die Festnahme vor Ort so: „Kulewitsch ist der schnellste Reporter der Stadt. Die Spezialeinheit OMON hat ihn die vergangenen Tage verfolgt. Warum? Weil er die besten Fotos der Proteste in Grodno geschossen hat.“