Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja am 5. Oktober 2020 in Berlin.
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BerlinBelarus ist im Umbruch. Das erste Mal seit 16 Jahren spürt die belarussische Opposition eine reelle Chance, den Autokraten Alexander Lukaschenko vom Thron zu stoßen und einen demokratischen Machtwechsel herbeizuführen. Die Politikerin Swetlana Tichanowskaja spielt eine große Rolle dabei.

Ihr Ehemann, der 42-jährige Sergej Tichanowski, war Anfang des Jahres der Spitzenkandidat der Opposition. Er reiste durch das Land, um seine Landsleute von der Botschaft eines unabhängigen Belarus zu überzeugen, und zahlte einen hohen Preis dafür. Bei der Ankündigung seiner Präsidentschaftskandidatur wurde er am 29. Mai von Lukaschenkos Milizen verhaftet und in ein Gefängnis überführt. Seitdem sitzt er in Haft. Swetlana Tichanowskaja hat die Rolle der Anführerin übernommen. Die Opposition geht davon aus, dass sie bei einer fairen Auszählung die Wahl vom 9. August gewonnen hätte. Lukaschenkos Regierung bestreitet dies. Nach der augenscheinlich gefälschten Wahl wurde Tichanowskaja verhört und gezwungen, ins litauische Exil zu fliehen.

Politikerin zu sein ist ihr Schicksal

Am Montag kommt die Oppositionsanführerin in Berlin an. Am nächsten Tag trifft sie in Mitte auf ausgewählte Journalistinnen und Journalisten als Vorlauf auf ein Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Als sie den Raum betrifft, sieht man ihr die Strapazen der vergangenen Monate deutlich an. Swetlana Tichanowskaja hat eine starke Ausstrahlung, ein fesselndes Charisma, und doch wirkt sie müde und erschöpft. Sie spricht leise. Erst im Laufe des Gespräch schöpft sie Kraft.

Tichanowskaja bedankt sich bei Europa für die Sanktionen, die die EU gegen belarussische Politiker verhängt hat. Sie hofft auf eine Ausweitung der Sanktionen und auf stärkere Solidarität durch die Europäische Union. Sie erklärt, dass sich Europa nicht heraushalten dürfe, weil ja auch Russland sich aktuell stärker in den belarussischen Konflikt einmische. Eine konkrete Intervention lehne sie aber ab. „Russland schickt Propagandajournalisten nach Minsk, schickt Geld und Unterstützung an Lukaschenko. Was die EU jetzt machen muss, ist, klar zu sagen, dass die EU gegen Gewalt und für einen friedlichen Dialog sei. Hilfe und Einmischung sind zwei unterschiedliche Dinge. Wir brauchen jetzt Hilfe von der EU.“

Man merkt Swetlana Tichanowskaja die Dankbarkeit an, die sie der Bundeskanzlerin entgegenbringt, weil Angela Merkel die Oppositionsführerin zu einem Treffen nach Berlin eingeladen hat. „Wie kann man Angela Merkel widerstehen? Wenn sie anruft, würde niemand ‚Nein‘ sagen. Alexander Lukaschenko ist der einzige Mensch, der einen Anruf von Merkel nicht annehmen würde.“ Bei diesem Satz lacht die Politikerin das erste Mal auf. Sie wirkt gelöster, ihre Augen beginnen zu leuchten.

Auf ihre politische Rolle nach möglichen Neuwahlen angesprochen, reagiert sie nachdenklich. „Ich weiß nicht, ob ich eine politische Zukunft habe. Ich stecke in einer Übergangsrolle. Diese Rolle ist mein Schicksal. Ich wollte niemals in dieser Lage sein. Ich weiß nicht, ob ich nach möglichen Neuwahlen in der Politik bleiben werde. Ich denke, die Politik ist zu hart für mich. Aber wer weiß?! Wenn ich in einer Situation wäre, in der ich keine Angst haben müsste ... Vielleicht wäre es ja einfacher, Politikerin zu sein. Ich war ja noch nie in einer politischen Situation ohne Angst.“ Sie lacht wieder leise auf. Die Journalisten lachen mit.

Tichanowskaja ist siegessicher

Dabei gibt es kaum Grund für Gelächter: Swetlana Tichanowskajas Mann sitzt im Gefängnis, die beiden Kinder vermissen ihn, ihre Freundin Maria Kolesnikowa (die Oppositionsführerin, die mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat) befindet sich ebenfalls im Gefängnis, die Zukunft der Inhaftierten ist ungewiss. Die Oppositionellen können die Öffentlichkeit nur über ihre Anwälte informieren. „Die Gefangenen sind stark“, sagt Tichanowskaja. „Ihre Stärke ist ein Ansporn für die Demonstranten, mutig zu bleiben und weiterhin durchzuhalten. Wir dürfen nicht nachgeben. Die Proteste müssen weitergehen und die internationale Aufmerksamkeit muss wachsen.“

Die Politikerin ist trotz der Repressalien siegesgewiss. In den Fabriken formierten sich Oppositionskreise. Tichanowskaja geht davon aus, dass nach wie vor eine große Mehrheit gegen Lukaschenko ist. „Wir würden die genauen Zahlen selbst gerne kennen. Aber das ist wegen der gefälschten Präsidentschaftswahl nicht möglich. Daher sind unsere Bedingungen ja so einfach: Wir wollen faire, freie Wahlen.“ Die Entlassung aller politischen Gefangenen ist ebenfalls eine der Forderungen.

Swetlana Tichanowskaja kommt am Ende des Gesprächs auf die historische Dimension der Proteste zu sprechen. Sie erklärt, dass sie sich nach der Anreise in Berlin Überreste der Berliner Mauer angeschaut habe, ein Mauerstück am Potsdamer Platz, das aus Solidarität mit den belarussischen Nationalfarben Weiß-Rot-Weiß bemalt wurde. „Da habe ich verstanden, dass Belarus ein neues 1989 erlebt. Wir stehen auf einer Mauer. Wir wollen unsere Mauern, genauso wie Deutschland damals, niederreißen und endlich über unser Leben bestimmen.“ Damit die Welt das versteht – deshalb ist sie in Berlin.