Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, steht vor der Synagoge in Halle.
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Halle an der SaaleUm 12.01 Uhr läuteten am Freitag in ganz Halle die Kirchenglocken, Straßenbahnen und Busse blieben stehen, Menschen verharrten schweigend auf den Plätzen und Straßen. Genau um diese Zeit vor einem Jahr hatte ein rechtsextremer Attentäter damit begonnen, die hölzerne Tür an der Mauer zur Halleschen Synagoge zu beschießen. Er wollte in das Gebetshaus eindringen, um die dort Jom Kippur feiernden Juden zu töten. Aus Frust darüber, dass sein Plan misslang, tötete er die zufällig vorbeigehende 40-jährige Jana Lange. Dann fuhr er wenige Hundert Meter weiter zu einem Döner-Imbiss und erschoss dort den 20-jährigen Kevin Schwarze.

Mit mehreren Veranstaltungen gedachten Politiker und Hallenser Bürger gestern der Opfer des Anschlags. Bereits am Vormittag war an drei Orten rund um das Steintor, einem zentralen Platz in Halle, eine Ausstellung eröffnet worden, die den Betroffenen des Anschlags gewidmet ist. Gestaltet wurde die Exposition vom Bündnis Halle gegen rechts und der Mobilen Opferberatung. Zu sehen sind auf großformatigen Plakatwänden Auszüge von Zeugenaussagen aus dem laufenden Gerichtsprozess gegen den Attentäter. Die Zitate stammen von damaligen Besuchern der Synagoge sowie von Hallensern, die sich zum Zeitpunkt des Überfalls im Kiez-Döner aufgehalten hatten. „In unserer Ausstellung sollen die Überlebenden und die Freunde und Angehörigen der Opfer zu Wort kommen“, sagt Valentin Hacken vom Bündnis Halle gegen rechts. „Wir haben uns daher für eine unkommentierte Darstellung entschlossen, in der wir nur die Aussagen der Betroffenen dokumentieren, auf die Darstellung des Tatablaufs und die Handlungen des Täters aber völlig verzichten.“ Die Ausstellung ist noch bis Sonntag in Halle zu sehen.

Gegen 12 Uhr, als die Glocken von den Kirchtürmen zu läuten begannen, hatten sich mehrere Menschen an den beiden Anschlagsorten eingefunden. Bis zur Mauer, die die Synagoge umgibt, konnten sie jedoch nicht gehen, weil die Straße davor von der Polizei abgesperrt war. Beamte trugen daher die Blumen und Kerzen, die Passanten vorbeibrachten, zum Gebetshaus und stellten sie an der Mauer ab. Auch vor dem nahe gelegenen Kiez-Döner, den der Attentäter am 9. Oktober letzten Jahres gegen 12.15 Uhr überfallen hatte, lagen Blumen und brannten Kerzen. Im Laden und davor hatten sich etwa zwei Dutzend Menschen versammelt. Sie mussten allerdings für einige Zeit den Platz räumen, weil Beamte mit Bombenspürhunden die dort aufgestellten Blumenkübel kontrollierten.

Am frühen Nachmittag waren dann Vertreter der Jüdischen Gemeinde sowie der Inhaber des Kiez-Döners Gäste auf einer Demokratiekonferenz im Halleschen Stadthaus. Max Privorotzki, Vorsteher der Jüdischen Gemeinde, mahnte, dass „die zarte Blume Demokratie“ nicht nur von Rechtsextremen bedroht werde, sondern auch von anderen Kräften in der Gesellschaft. „Der Angriff vom 9. Oktober war kein Angriff nur auf Juden oder Muslime, auf Jana Lange oder Kevin Schwarze – er war ein Angriff auf uns alle“, sagte er. Ismet Tekin, dem der vor einem Jahr überfallene Kiez-Döner gehört, forderte auf der Konferenz, dass Politik und Gesellschaft die Situation der Migranten im Blick behalten und sie vor Rassismus schützen müssen.

Am Nachmittag weihten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Rainer Haseloff Gedenktafeln vor der Synagoge und dem Döner-Imbiss ein und legten Kränze nieder. Kurz zuvor war auf dem Gelände der Synagoge ein Denkmal enthüllt worden, in das die Tür eingearbeitet worden ist, die vor einem Jahr den Schüssen des Attentäters standgehalten hatte. Das von der 19-jährigen Studentin Lidia Edel gestaltete Kunstwerk zeigt zwei stilisierte Bäume, die die Tür umranken und für die schützende Hand Gottes stehen. 52 Blätter stehen für die 52 Menschen, die am Tag des Attentats in der Synagoge waren. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, nannte die Tür mit ihren noch sichtbaren Schussspuren ein „Symbol der Hoffnung, aber auch der Zerstörung“. Am späten Nachmittag fand schließlich noch eine zentrale Gedenkfeier in der Ulrichskirche statt, die auf Videoleinwänden an mehreren Orten der Stadt übertragen wurde.