Umm Mohammed sitzt auf dem Gang des Krankenhauses und hält ihr fieberndes Baby fest im Arm. Es atmet rasselnd. „Wir wohnen in einer Gemeinschaftsunterkunft. Keine Arbeit, kein Geld“, sagt sie, als müsse sie sich dafür entschuldigen, dass es ihrem Kind schlecht geht. Vor einem Jahr ist sie aus dem syrischen Homs über die Grenze ins libanesische Tripoli gekommen. „Meine Frau war schwanger. Ich wollte sie nur kurz in Sicherheit bringen und dann zurückgehen“, erzählt ihr Mann. „Doch hier konnte ich sie doch nicht allein zurücklassen.“

In der Familienklinik, die von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen unterhalten wird, hoffen die beiden nun auf Hilfe für ihr Kind. Die meisten Patienten hier sind Frauen und Kinder aus Syrien. „Viele von ihnen haben Gewalterfahrungen und schwere psychosomatische Erkrankungen“, berichtet die Ärztin Maha Najjar. Deshalb beschäftigt das Hilfswerk auch mehrere Psychologen, die sich um die Traumatisierten kümmern.

Oft schichten sich mehrere Lagen von Horror übereinander: Die Menschen haben ihre Heimat verlassen, weil ihnen selbst oder Verwandten und Freunden Schreckliches widerfahren ist. Viele haben ihre Liebsten sterben sehen. Auch das Leben als Flüchtling ist von Stress und Angst erfüllt – und von neuer Brutalität. Es gibt zahlreiche Fälle häuslicher Gewalt.

Grenzen der Gastfreundschaft

„Am Anfang haben uns die Libanesen mit offenen Armen aufgenommen“, erinnert sich ein anderer Patient im Krankenhausflur. Das habe sich aber geändert, als immer mehr Flüchtlinge kamen. Seit kürzlich die Zeitungen ausführlich berichteten, dass zwei libanesische Kinder starben, weil die überfüllten Krankenhäuser sie nicht aufnehmen konnten, stoßen die Flüchtlinge mancherorts sogar auf offene Feindschaft.

Die Ärzte ohne Grenzen betonen deshalb, dass in ihrem Krankenhaus natürlich auch libanesische Patienten behandelt werden. Diese müssen allerdings eine Menge Mut mitbringen, denn auf dem Krankenhausflur patrouillieren Männer in schwarzen Kampfanzügen. Sie beobachten misstrauisch jeden, der hereinkommt. Vor allem aber verhindern sie, dass irgendjemand in den ersten Stock gelangt – dorthin, wo verwundete Rebellenkämpfer der Freien Syrischen Armee behandelt werden. Auch die Ärzte ohne Grenzen sind dort oben unerwünscht.

Tripoli mit seiner überwiegend sunnitischen Bevölkerung ist seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland zu einem Sammelpunkt vor allem für Gegner des alawitischen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad geworden. Unter den Flüchtlingen werben sie Freiwillige für die Rebellenmilizen. Salafistische Prediger machen Stimmung für den Dschihad.

Mit diesen Radikalen möchte Scheich Mazen Al Mohammed, Imam einer Moschee in Tripoli, nicht in einen Topf geworfen werden. Aber: „Man tut, was man kann“, sagt auch er. Der graubärtige 44-Jährige sitzt an der Werkbank seiner Autowerkstatt. Motoren werden hier nicht mehr repariert und auch kaum noch Reifen gewechselt. „Ich habe dafür keine Zeit mehr, seit die ersten Flüchtlinge aus Syrien kamen. Sie sehen ja, was hier los ist“, erklärt er und deutet auf die lange Menschenschlange vor dem Tor.

Für viele Ankömmlinge aus Syrien ist Scheich Mazen die erste Anlaufstelle. „Mit wie vielen Leuten seid ihr gekommen? Was braucht ihr?“, fragt er den Greis, der neben der Werkbank sitzt, und notiert alle Antworten in einem Buch. Die Daten wird er später an das UN-Flüchtlingskommissariat weitergeben.

„Wir wollen den Syrern ja gerne helfen. Es ist unsere Pflicht als Muslime, und zudem wissen wir aus unserem eigenen Land, was Bürgerkrieg bedeutet“, erklärt Omar Abdu, der in Scheich Mazens Werkstatt als Mechaniker arbeitet. „Doch durch die vielen Flüchtlinge sind die Mieten explodiert. Alles ist teurer geworden“, klagt er.

Es sind nicht nur die überfüllten Krankenhäuser und die steigenden Lebenshaltungskosten, die der Gastfreundschaft der Libanesen abträglich sind. Die Anwesenheit der Flüchtlinge führt zunehmend auch zu Gewaltakten. Fast täglich wird irgendwo geschossen. Am Montag erst war wieder ein Toter zu beklagen: ein Soldat der libanesischen Armee, der ins Kreuzfeuer geraten war. Denn in Tripoli gibt es nicht nur Sunniten. Auf dem Berg Dschabal Muchsin lebt auch eine kleine, verschworene Gemeinschaft von Alawiten. Und die sympathisieren in ihrer großen Mehrheit nicht mit den fast ausschließlich sunnitischen Rebellen in Syrien, sondern mit ihrem Glaubensbruder Assad.

„Sehen Sie, dort sitzen sie: Assads langer Arm im Libanon“, sagt Omar Abdu und weist aus dem Küchenfenster. Er wohnt im siebten Stock eines Hochhauses. Tolle Aussicht, leider direkt in der Schusslinie. Neben dem Fenster klafft ein großer Krater. „Die Regierung der Assads hat nichts als Unheil nach Libanon gebracht“, wirft Omars Mutter ein. Die schwarzgekleidete Frau ist weit über 70, in ihrem Leben hat sie schon viel Gewalt und Krieg miterlebt. „Aber was in Syrien passiert, ist schlimmer als alles bisherige. Möge Gott Assad vernichten – und die dort gleich mit!“, sagt sie und deutet zum Dschabal Muchsin hinüber.

Einzug der Terroristen

Nur wenige Kilometer entfernt, im Hinterzimmer seines Jeans-Ladens, empfängt Ali Fada seine Gäste. Der drahtige 29-Jährige ist Generalsekretär der Arabischen Demokratischen Partei, und der kleine Raum ist über und über mit Assad-Bildern geschmückt. Fada ist zwar misstrauisch gegenüber westlichen Journalisten, will aber die Chance nutzen, einige Dinge klarzustellen. So gehe es in Syrien nicht um einen Konflikt zwischen den Religionsgemeinschaften. „Wir haben es mit vom Ausland finanzierten Terroristen zu tun, die in Syrien die Regierung stürzen wollen und jetzt auch hier ihr Unwesen treiben“, sagt er und deutet grimmig in Richtung Tal.

Zumindest indirekt zieht Fada auch die Integrität der in Tripoli gestrandeten Bürgerkriegsflüchtlinge in Zweifel. „Es wird so getan, als wären alle Ankömmlinge aus Syrien Flüchtlinge. Aber ehrliche Leute haben doch gar keinen Grund, Syrien zu verlassen“, sagt er. Ob im ersten Stock des Krankenhauses, in der Autowerkstatt, im Jeansladen: Wo man hinkommt in Tripoli – der syrische Bürgerkrieg ist schon da.