Kilis - Am Dienstag haben Polizisten die breite, gut asphaltierte Straße abgeriegelt, die von der südtürkischen Kleinstadt Kilis zur syrischen Grenze führt. Journalisten wird die Weiterfahrt nicht gestattet. Gut sechs Kilometer entfernt ist der Checkpoint von dem neuen Lager, das die Türkei hier für syrische Flüchtlinge einrichtet. So können Reporter nur von sehr weit weg verfolgen, wie jener Hubschrauber zwei Runden über dem Zufluchtsort der Syrer dreht, mit dem der ehemalige UN-Generalsekretärs Kofi Annan die Flüchtlingslager erkundet.

Die Sperrung hat Gründe: Am Grenzposten bei Kilis hatten am Montagmittag syrische Soldaten Flüchtlinge auf türkischem Boden beschossen und dabei zwei Syrer getötet, weitere Syrer und einen türkischen Dolmetscher verletzt. Was jetzt an dem nur durch einen leichten Zaun geteilten Grenzgebiet vor sich geht, können Journalisten nicht in Augenschein nehmen. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit“, sagen türkische Polizisten freundlich, aber sehr bestimmt.

Scharfe Warnung des Premiers

Der ernste Grenzzwischenfall hat die politischen Akteure der Türkei alarmiert. Zwar hatte ohnehin kaum jemand in Ankara daran geglaubt, dass Syriens Präsident Baschar al-Assad die für den Dienstag angekündigte Waffenruhe einhalten würde – aber eine Grenzprovokation nur zwölf Stunden vorher? Das türkische Außenministerium richtete eine scharfe Warnung und eine Protestnote an das syrische Regime. Die Angriffe müssten umgehend gestoppt werden. Bereits zuvor hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erklärt, dass die Türkei bestimmte „Schritte“ ergreifen könne, falls die Gewalt im Nachbarland nicht aufhöre. Welche Maßnahmen das sein könnten, sagte der Premier nicht. Aber in Ankara wird bereits seit Wochen darüber spekuliert, dass die Türkei eine Pufferzone oder humanitäre Korridore auf syrischem Staatsgebiet einrichten könne.

Derartige Maßnahmen seien jedoch „absolut notwendig, um unserem Volk zu helfen“, sagen syrische Flüchtlinge, die sich am Dienstag im Krankenhaus von Kilis verarzten lassen. Die Flüchtlinge leben alle im neuen Lager nahe der Grenze. Dort kommen die Syrer nicht wie bisher hauptsächlich in Zelten, sondern in Containern unter. Es gebe Gebetsräume, Schulen für die Kinder, ein Feldhospital – „wir danken der Türkei sehr dafür“, sagen die Flüchtlinge.

Aber seit den Zwischenfall vom Montag hätten sie auch im Zufluchtsland Angst. „Überall in den Containern sind noch die Einschüsse zu sehen“, sagt Juma al-Mustafa, ein 25-jähriger Mann, der vor einem Monat mit seiner Familie aus einem Dorf nahe der syrischen Rebellenhochburg Idlib in die Türkei floh.

Juma al Mustafa hat die Ereignisse des Montags miterlebt. „Um vier Uhr nachts wurden wir wach, weil im syrischen Grenzdorf Bab al-Salam geschossen wurde“, erzählt der dunkelhäutige Mann. Schnell war klar, dass ein Trupp der Freien Syrischen Armee (FSA) den Grenzposten angriff. „Die Dorfbewohner hatten sie um Hilfe gegen die ständigen Übergriffe der Assad-Soldaten gerufen.“ Im Lager brach Unruhe aus. Alle seien aus ihren Containern gekommen. „Am Mittag mussten sich die Rebellen zurückziehen, und einige versuchten, auf türkisches Gebiet zu flüchten“, berichtet der Syrer. Mit Anderen aus dem Lager rannte al-Mustafa zum Grenzzaun und half den Verletzten, ihn zu überklettern. „Dabei schossen Scharfschützen auf uns.“ Die syrischen Soldaten hätten auf alles gefeuert, was sich bewegte.

Es ist nicht auszuschließen, dass die FSA den Zwischenfall provoziert hat, um die Türkei zu einer militärischen Reaktion zu veranlassen. Fragen kann man sie nicht, denn die Krankenzimmer der verwundeten Kämpfer dürfen Außenstehende nicht betreten.