AL DANA/ATARIB - Im Innenhof eines Hauses, 45 Kilometer westlich der Wirtschaftsmetropole Aleppo, am Rande der Kleinstadt Al Dana, hat sich eine Gruppe Männer in Tarnanzügen versammelt. An ihren Schultern baumeln Sturmgewehre, an ihren Gürteln Handgranaten. In Inventurlisten tragen sie penibel den Inhalt der Säcke ein, die sich vor ihnen stapeln: brandneue Scharfschützengewehre, jede Menge Munition, Panzerfäuste, belgische Sturmgewehre und Dutzende Nachtsichtgeräte, noch in Plastikfolien verschweißt. Als der Kommandeur eines davon in die Luft hält, jubeln seine Männer und beginnen zu tanzen. „Gott ist groß“, rufen sie und recken die Kalaschnikows über ihre Köpfe.

Wo die Waffenlieferungen herkommen, will niemand verraten. Der Anführer lächelt milde und sagt, dass die Rebellen ein paar Freunde hätten, die sie unterstützten. Dann packen sie alles wieder in die Jutesäcke, verschnüren sie und verfrachten die Waffen in Kofferräume von Privatwagen, Taxis und Kleinbussen. Die Tarnanzüge tauschen sie gegen Zivilkleider, schlüpfen in Jeans und Hemden. Etwa 30 Kämpfer quetschen sich in ein halbes Dutzend Fahrzeuge. Das Ziel: die Stadt Aleppo. Im Schutze der Nacht machen sie sich auf den Weg, auf Feldwegen und Umwegen umfahren sie die Checkpoints der syrischen Armee. Späher auf Motorrädern kundschaften die Gegend aus, schauen, ob die Armee Straßensperren errichtet hat, stehen per Funk in Kontakt mit den Kämpfern, die im Abstand von einigen Kilometern folgen.

Mehr als drei Stunden brauchen sie für die 45 Kilometer nach Aleppo. In den Außenbezirken Aleppos nehmen Kämpfer und Aktivisten die Waffen in Empfang und verteilen sie auf die Stadtviertel, in die Hunderte von Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) in den vergangenen Tagen und Wochen eingesickert sind, um die Stadt einzunehmen.

Am gleichen Tag wirft die Vollversammlung der Vereinten Nationen dem UN-Sicherheitsrat Versagen im Syrien-Konflikt vor und verurteilt den Einsatz schwerer Waffen durch die Regierung in Damaskus. Mit großer Mehrheit verabschiedete die Vollversammlung eine entsprechende Resolution. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte ein Ende der „Rivalitäten“.

Die Resolution wirft dem UN-Sicherheitsrat Untätigkeit in dem Konflikt vor. Verlangt wird darin auch ein politischer Wandel in Syrien, nicht aber direkt ein Abgang von Staatschef Baschar al-Assad. Der Einsatz von Panzern und Hubschraubern wird verurteilt, und die syrische Führung wird aufgefordert, keine Chemiewaffen einzusetzen. Für die vor allem von arabischen und westlichen Ländern unterstützte Resolution stimmten 133 Staaten. Zwölf stimmten dagegen, 31 enthielten sich.

Seit Mitte Juli eskaliert der Bürgerkrieg in Syrien. In der Hauptstadt Damaskus zündeten die Aufständischen eine Bombe im Gebäude des Nationalen Sicherheitsrates und töteten vier ranghohe Regierungsbeamte, darunter den Verteidigungsminister, den Innenminister und den Schwager des Präsidenten Baschar al-Assad. Anschließend lieferten sich FSA-Einheiten und Regierungstruppen heftige Kämpfe in vielen Stadtteilen von Damaskus und zwangen damit die Bilder des Krieges auf die Bildschirme des staatlichen Fernsehens. Wenige Tage später brachen Kämpfe in Syriens größter Stadt, in Aleppo, aus. Das Regime schlägt seitdem mit Kampfhubschraubern, Panzern und Artillerie zurück, beschießt Viertel, in denen sich Rebellen verschanzt haben, mit Panzergranaten und Raketen.

Anhänger des Regimes sind geflohen

Die Provinz Idlib im Nordwesten ist eine der Rebellenhochburgen Syriens. Die Armee hat sich hier weitgehend in ihre Basen zurückgezogen. Die Regierung kontrolliert zwar noch immer Teile der großen Städte wie Damaskus, Homs, Aleppo oder Hama und ist militärisch überlegen. Aber die Waffenlieferungen zeigen Wirkung. Kleinstädte und Dörfer gehören inzwischen den Rebellen. Die sunnitische Landjugend hat sich komplett der FSA angeschlossen. Jeder Tote scheint sie in ihrem Willen, das Regime zu stürzen, zu bestärken. Anhänger des Regimes und der alawitischen und christlichen Minderheiten hingegen sind aus Angst vor Racheakten der Rebellen geflohen.
Anfang August stellten Aktivisten ein Video auf Youtube. Darin ist zu sehen, wie FSA-Kämpfer mehrere Gefangene erschießen, die angeblich zu den regimetreuen Schabiha-Milizen gehören sollen. Selbst unter Unterstützern des Aufstandes wird die Furcht größer, dass die FSA nach dem Ende des Bürgerkrieges ihre Waffen nicht abgibt und somit ein totalitäres Regime gegen das nächste eingetauscht wird.

Sieben Kilometer von Al Dana entfernt zeugt Atarib von den heftigen Kämpfen in dieser Gegend. In der ersten Juliwoche hatten FSA-Einheiten die letzten Armeeverbände aus der Stadt vertrieben. Komplette Straßenzüge sind zerstört. Es ist still hier, der Krieg hat die Bewohner vertrieben, nur ein heißer Wind wirbelt Staub auf. Ausgebrannte Geschäfte. Zerschossene Rollläden. Verkrüppelter Stahl. Zerfetztes Wellblech. Einschläge von Kugeln und Granaten entstellen Häuserfassaden wie Pockennarben. Der Asphalt ist von Granateneinschlägen aufgerissen, überall stehen ausgebrannte Panzer und ineinander verkeilte Kettenfahrzeuge. Eine alte Frau sitzt stumm zwischen den Trümmern ihres Hauses.
Atarib ist eine Geisterstadt, nur ein paar arme Leute, Bauern, alte Menschen, Rebellen und Aktivisten sind zurückgeblieben. FSA-Kämpfer, die Atarib verteidigen, fahren hupend auf Motorrädern durch die zerstörte Stadt und feiern die Nachrichten aus der Hauptstadt. Ein Mann steht auf einem zerstörten Panzer, jubelt, streckt die Hände in die Luft, formt mit den Fingern das Victory-Zeichen und schreit: „Baschar ist ein Esel!“

Als die Sonne untergeht, fallen die ersten Granaten auf Atarib. Zwei schlagen neben einem Quartier der FSA ein, Rebellen werfen sich auf den Boden des Erdgeschosses, drücken sich in die Ecken des Raumes und verschränken schützend die Arme über ihren Köpfen. Die Granate hat das Gebäude knapp verfehlt, Rauch zieht durchs die Fenster, brennt in den Augen. Es riecht nach Schwefel. „Die Armee beschießt uns jeden Tag. Aber sie treffen uns nicht“, sagt ein Kommandeur, der vor der Revolution Politikwissenschaften in der Hauptstadt Damaskus studiert hat.

Die Armee schlägt zurück

Zwei weitere Granaten schlagen neben dem Haus des letzten verbliebenen Arztes von Atarib ein. Niemand wird verletzt, aber es ist das erste Anzeichen dafür, dass die Armee zurückschlägt. Nur noch ein kleiner Teil der Rebellenarmee ist zur Verteidigung zurückgeblieben. Wie in allen Dörfern und Kleinstädten im Norden Syriens packen die Einheiten ihre Waffen zusammen und rücken nach Aleppo vor, um die Regimetruppen zu vertreiben.
In Atarib und Al Dana sind sich die Menschen sicher, dass das Regime am Ende ist. Es ist nicht mehr die Frage, ob, sondern wann das Ende kommt, sagen sie. Manche rechnen damit, dass es nur noch wenige Tage sind, andere meinen, dass es noch Wochen dauern könnte. Doch in die Freude über die Erfolge der Rebellen mischt sich Sorge. Viele befürchten, dass Assads Regime für die Anschläge in Damaskus und die Kämpfe in Aleppo Rache nehmen wird. Hunderte Flüchtlinge aus Atarib haben in Al Dana bei Freunden und Verwandten Zuflucht gefunden. In der Nacht wird aus dem vagen Gefühl Gewissheit: Um kurz vor acht Uhr abends durchschneiden Panzergranaten pfeifend und zischend die Luft. Weiße Rauchpilze steigen über Al Dana auf. Wie ein riesiges Stroboskop durchzucken die Explosionen die Nacht. Artillerie schießt von allen Seiten.

Ein junger Mann zeigt auf ein blinkendes Objekt am Abendhimmel, das leise summt. Eine Drohne fliegt über Al Dana, Augenblicke später schlagen Raketen in Wohnviertel und Stellungen der FSA ein. Leuchtspurmunition taucht die Nacht in orangefarbenes Licht. Väter und Mütter, ihre Kinder an den Händen haltend, rennen in ihre Häuser, in Sicherheit. Wer kann, flieht aus der Stadt. Autos und Kleinbusse, vollgepackt mit Menschen und dem Nötigsten, fahren in die eine, Geländewagen und Motorräder mit schwer bewaffneten Rebellen in die entgegengesetzte Richtung. Eine Granate schlägt ein. Am Stadtrand ertönt das Rattern von Maschinengewehren der Rebellen. Dann schlägt wieder eine Granate ein. Wie ein Zwiegespräch der Waffen.

Chaos im Krankenhaus

Währenddessen herrscht im Krankenhaus von Al Dana Chaos. Männer bringen verwundete Zivilisten und Rebellen in den Warteraum. Eine Schwester wischt apathisch Blutlachen am Boden mit einem Handtuch auf. Menschen trauern um Freunde und Kameraden, Brüder und Söhne. Vor dem Eingang des Krankenhauses schießen zornige Rebellen in die Luft. Ein Pfleger bittet sie verzweifelt, das zu unterlassen, um nicht die Granaten auf das Krankenhaus zu lenken. Der Klinik mangelt es an Personal und Medikamenten. Ein einziger Arzt, ein Anästhesist, zwei Schwestern und zwei Pfleger sind noch da, es gibt nicht viel, was sie tun können.
Doktor Ibrahims weiße Haare stehen wirr vom Kopf ab, um seinen Hals baumelt ein Stethoskop, sein Kittel ist schmutzig. Er geht zu einem Mann auf einer Trage. Blut tropft herab. Der Arzt leuchtet mit einer Taschenlampe in die Augen des Patienten. Doktor Ibrahim schüttelt den Kopf. Der Mann ist tot. Die Pfleger tragen ihn fort.

Der Doktor kämpft sich durch die Menge zum nächsten Patienten, schiebt weinende und schreiende Menschen beiseite. Ein FSA-Kämpfer liegt auf den Fliesen, auch er ist tot. Pfleger tragen ihn in das Operationszimmer.
„Was machen diese Toten schon noch aus?“, fragt der Arzt in brüchigem Englisch. „Wir Syrer werden täglich ermordet, im ganzen Land. Und niemanden interessiert das.“

Abu Mustafas Hände zittern

Ein paar Straßenzüge weiter, im Haus von Abu Mustafa, kauern acht Menschen auf dem Boden und lauschen den Einschlägen, die immer näher kommen. Abu Mustafa, ein 54-jähriger Mann mit weißem Bürstenhaarschnitt und rasselndem Husten, raucht Kette und streichelt seinen zwei kleinen Enkelinnen übers Haar, die sich verängstigt an seine Brust drücken. „Alles kein Problem“, murmelt er unentwegt. Sein Mund lächelt, seine Augen nicht. Seine Hände zittern.
Da er zu alt zum Kämpfen ist, dient sein Erdgeschoss als Lazarett für verwundete FSA-Kämpfer. „Das ist mein Beitrag zur Revolution“, sagt er und zuckt bei jeder Detonation zusammen. Neben ihm liegt der 21-jährige Hassan Abid in einem Krankenbett. Eine Kugel zertrümmerte ihm während der Kämpfe um Atarib das rechte Bein. Sein Gesicht ist aschfahl, er betet und drückt sich bei jedem Einschlag ein Kissen wie einen Schild, der ihn vor der Gefahr schützen soll, aufs Gesicht. Im Laufe der Nacht kommen zwei FSA-Kämpfer zum Schutz der Verletzten und der Familie. Die Angst, dass Armeeverbände und Schabiha-Milizionäre die Stadt stürmen und ein Massaker wie in Hula anrichten, sitzt tief.

Eine Granate schlägt neben Abu Mustafas Haus ein, die Wände wackeln, eine Fensterscheibe splittert. Diejenigen, die laufen können, suchen unter der Treppe Schutz. Abu Mustafa jedoch bleibt im Wohnzimmer und rollt einen Gebetsteppich aus. Während Granaten auf die Stadt Al Dana fallen, betet Abu Mustafa gemeinsam mit einem befreundeten Taxifahrer und den FSA-Kämpfern. Ihre Augen sind geschlossen, ihre Hände in Richtung Mekka gerichtet, und so bittet er Allah um Schutz.
Neun Stunden dauert der Beschuss. Die letzte Bombe fällt um 4.35 Uhr. Sie tötet zwei Nachbarinnen. Familienangehörige suchen mit einer Taschenlampe in den Trümmern nach Leichenteilen. Dann geht die Sonne auf. (mit afp)