Befrei dich, befrei mich, befrei uns, befrei sie. Die Botschaft von Yoko Ono, der Witwe John Lennons, zum Tag der Pressefreiheit ist klar und umfassend. An diesem Tag geht es um die Freiheit aller, und speziell um die Freiheit von Journalisten, der inhaftierten, der verfolgten, der gegängelten Reporter. Seit 24 Jahren wird am 3. Mai eines jeden Jahres der Tag der Pressefreiheit begangen. Und es hat noch kein Jahr gegeben, in dem er nicht notwendig gewesen wäre.

Doch was heißt das für Sie, liebe Leserinnen und Leser der Berliner Zeitung, was bedeutet die Pressefreiheit für Sie konkret? Pressefreiheit ist ja ein großes Wort, und das, was dahintersteckt, die Meinungsfreiheit, ist einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaft, ganz grundsätzlich wichtig. Aber die Pressefreiheit lässt sich selbstverständlich auch sehr alltäglich erleben, für Sie persönlich.

Lassen Sie es mich an einem Beispiel erklären: Nehmen wir an, Sie wollten trotz allem in diesem Jahr in der Türkei Urlaub machen. Dann würden Sie doch schon gerne wissen, was in diesem Land vor sich geht, sie würden sich gerne ein Bild machen von der Türkei. Dieses Recht, sich zu informieren, aber soll Ihnen genommen werden. Durch Verbote, Zensur und Einschüchterungen.

Wer auf Journalisten zielt, trifft ihre Leser

Seit vielen Wochen schon sitzt der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung Die Welt, Deniz Yücel, in Haft. Warum? Weil er für seine Leser aus der Türkei berichtet hat, was zu berichten ist. Nur aus diesem Grund. Der Korrespondent des Sterns, Raphael Geiger, darf nicht mehr in der Türkei arbeiten, die Regierung hat ihm bislang keine Akkreditierung erteilt, so nennt man die Arbeitserlaubnis für Journalisten. Und warum? Weil Geiger unabhängig für seine Leser aus der Türkei berichtet hat.

Und jetzt hat es auch den Korrespondenten der Berliner Zeitung, Frank Nordhausen, getroffen. Denn auch seine Akkreditierung wurde bislang nicht erneuert. Er hat für Sie, für die Leserinnen und Leser der Berliner Zeitung, seit Jahren unabhängig und sorgfältig aus der Türkei berichtet. Vielleicht nicht so, wie es sich die türkische Regierung gewünscht hätte, sondern so, wie Sie es als Leser erwarten dürfen: informativ und ausgewogen.

Die Türkei hat also für unseren Kollegen Frank Nordhausen die Pressefreiheit eingeschränkt, und sie hat damit auch Sie, die Leserinnen und Leser getroffen. Wer auf Journalisten zielt, trifft ihre Leser, und deshalb ist der Kampf für die Pressefreiheit so wichtig. Damit Sie auch in Zukunft die Informationen erhalten, die sie brauchen, um diese Welt jeden Tag zu verstehen.

Frank Nordhausen wird Sie weiter über die Türkei informieren, mit seinen Kontakten und seiner großen Erfahrung, aber er wird sein Büro zunächst in Zypern betreiben, um frei berichten zu können. Und wir werden alles dafür tun, dass er in der Türkei wieder akkreditiert wird. In Ihrem Interesse.

61 Stimmen für immer verstummt

Für Leser ist die Pressefreiheit aber noch aus einem anderen Grund wichtig. Weil Sie Ihnen, zumindest in Deutschland, die Möglichkeit gibt, sich so zu informieren, wie Sie das wollen. Sicher, die Presse hier ist nicht perfekt, genauso wenig, wie alle Krankenhäuser oder Schulen im Land perfekt sind. Aber Sie haben die Möglichkeit, frei zu wählen, ob Sie eine linke, eine rechte, oder eine in der Mitte verankerte Tageszeitung lesen wollen. Die Freiheit der Presse, die Welt so zu deuten, wie die jeweilige Redaktion sie sieht, diese Pressefreiheit, ist eben auch Ihre Lesefreiheit: Sie entscheiden, was Sie lesen wollen. Und das ist auch in Deutschland, wie wir alle wissen, nicht immer selbstverständlich gewesen.

Jeder Computer mit einem Internet-Browser und jeder Zeitungskiosk ist hierzulande ein kleiner Tempel der Pressefreiheit, wenn man das mal mit etwas Pathos beschreiben möchte. Klingt ein bisschen dick aufgetragen, klar, aber vielleicht macht uns das allen, Lesern und Journalisten, klar, wie viel es zu verteidigen gibt – wie viel woanders, nicht nur in der Türkei, auf dem Spiel steht. Und wie existenziell, wie tödlich es werden kann, wenn es niemanden mehr gibt, der sich für die Pressefreiheit einsetzt.

61 Journalisten sind im vergangenen Jahr bei der Ausübung ihrer Arbeit getötet worden. Ihre Stimmen sind für immer verstummt, ihre Sätze wird kein Leser mehr entdecken können. An drei dieser Kollegen wollen wir an diesem Tag der Pressefreiheit stellvertretend erinnern: Auf der Seite 5 finden sie die Porträts der Verstorbenen. Mit ihnen ist auch ein Stück Meinungsfreiheit gestorben, in der Ukraine, in Afghanistan und im Sudan. Niemand kann diese Journalisten mehr befreien. Aber indem wir ihrer gedenken, können wir zeigen, was uns wichtig ist: Die Freiheit der Presse, die Freiheit der Leser.