Tage der Verunsicherung

Montagsdemos am Tag der Deutschen Einheit und Holz sammeln in der Krise: die deutsche Angst und ihre eigentümlichen Erscheinungsformen.

Skulptur in Herzform: 32 Jahre deutsche Einheit.
Skulptur in Herzform: 32 Jahre deutsche Einheit.dpa/Jan Woitas

Drinnen staatstragende Reden, Loblieder auf die Demokratie und das Zusammenstehen. Draußen Trommeln, Trillerpfeifen, Transparente. Nach Zusammenstehen fühlt sich die allgemeine Stimmung in unserem Land gerade nicht an.

Es ist ein merkwürdiges Jahr – ein Jahr, in dem sich die Krisen überlagern, befeuert vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Wie sollte dies also spurlos an den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Deutschen Einheit vorübergehen?

Vielleicht wäre der Unterschied zwischen dem, was bei den zentralen Kundgebungen zum Jahrestag eine Rolle spielte, und dem Gefühl vieler Menschen nicht so ins Auge gefallen, wenn der Jahrestag in diesem Jahr nicht zufällig gerade auf einen Montag gefallen wäre.

Ausgerechnet ein Montag. Seit Wochen schon gibt es montags wieder Demonstrationen. Allerdings sind es ganz andere Kundgebungen als damals 1989, als Bürger der DDR gegen ihr autoritäres Regime protestierten. Damals ging es um Demokratisierung, Reisefreiheit, ein Ende des Unterdrückungsapparats durch die Staatssicherheit. Heute geht um – ja, was eigentlich?

Man kann es nicht immer so genau sagen, weil rechte und linke Gruppen um die Deutungshoheit kämpfen und auch das, was die Teilnehmer angeben, sehr unterschiedlich ausfällt. Den meisten, die hier mitlaufen, geht es wohl um ganz banale Dinge: die nächste Heizkostenabrechnung, den eigenen Job, die hohen Preise. Es sind Sozialproteste, aber nicht unbedingt, weil es den Menschen sehr schlecht ginge. Es scheint mehr die Angst zu sein, dass es ihnen bald sehr schlecht gehen könnte, die sie auf die Straße treibt.

Verbunden wird das mit Zweifeln an der Demokratie und einer eigenartigen Russlandnähe. Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hält das für den Ausdruck einer eingeübten Angst in Ostdeutschland. Aus einem historischen Ohnmachtsgefühl heraus werde die russische Führung lieber freundlich als hart angesehen. Gerade jetzt, da Russland aggressiv auftritt.

Die Verunsicherung trägt aber auch andere Züge – abseits von Ostdeutschland. Da sind zum Beispiel jene Menschen, die Holz im Wald sammeln und sich in ihrem Keller gerade gegen Blackouts beim Strom und beim Gas rüsten. Man findet sie in Ost wie West und zunehmend auch im Bekanntenkreis. Ihre Regalbretter und Vorratsschränke sind bereits voll. Also wird das, was immer noch weiter an Lebensmitteln in großen Mengen gekauft wird, erst mal auf dem Boden gestapelt. Dosen mit Eingekochtem, Fertiggerichte, haltbare Milch, Mehl, Reis, Nudeln, Öl, Zucker, Salz.

Für den Ernstfall ein Stromgenerator

Es werden Plastikboxen besorgt, um all das zu verstauen, Kanister für Trinkwasser und Briketts für den Kaminofen. Holzscheite stapeln sich an den Wänden entlang. Zum Kochen wird eine Gaskartusche parat gehalten und für den Ernstfall ein Stromgenerator. Fragt man, warum sie das tun, sagen sie, sie wollten einfach gerüstet sein, wenn es mal ein oder zwei Wochen keinen Strom mehr gibt und auch kein Gas.

Es sind Einzelbeispiele natürlich, aber allein sind diese Menschen mit ihren Ideen der privaten Krisenvorsorge nicht. Auch hier: ein Phänomen der Verunsicherung.

Inflation, steigende Energiepreise, Kriegsangst – es gibt ja nun auch wirklich genügend Umstände, die einem Angst machen können. Joachim Gauck hat anlässlich des Jahrestages eine Botschaft, die darauf gut zu passen scheint. Ängste könne man überwinden, sagt er, das habe gerade die jüngere deutsche, die ostdeutsche Geschichte gezeigt. Die Regierung müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen und besonders gut erklären, was sie in der derzeitigen Lage zu tun gedenkt, welche Menschen, welche Teile der Industrie und des Handwerks unterstützt werden müssten, um die Krise zu überstehen.

Das ist sicher richtig. Gerade jetzt, wo vollkommen ungewiss ist, wie in der Ukraine jemals wieder Frieden werden soll. Wo in Deutschland erste Betriebe aufgeben. In einer Zeit, in der die Sabotage an den Gaspipelines in der Ostsee uns vor Augen führt, wie verwundbar wir an allen möglichen Stellen unserer Infrastruktur sind.

In dieser Lage scheinen positive Nachrichten gerade ungehört zu verhallen. Der auf zwölf Euro gestiegene Mindestlohn zum Beispiel. Oder auch der Abwehrschirm, den die Regierung gegen die Folgen des russischen Angriffskrieges konstruiert hat – fast halb so groß wie der reguläre Bundeshaushalt. Auf die allgemeine Stimmung scheinen sich solche Nachrichten nicht sonderlich auszuwirken. Donnerstag verkündet, mittlerweile längst von anderen Nachrichten überlagert.

Es sind also zwei Seiten einer Medaille: Nur wenn sehr gut erklärt wird, können Menschen glauben, dass sich die Regierung um sie sorgt, und wieder Vertrauen gewinnen. Die beste Erklärung nützt allerdings nichts, wenn der andere nicht zuhört. Auch zum Zuhören braucht man eine grundsätzliche Bereitschaft.