Hanoi - Bei seinem Zerstörungszug über die Philippinen hat der mächtige Taifun „Haiyun“ vermutlich mehr als tausend Menschen in den Tod gerissen. Die Generalsekretärin des Roten Kreuzes, Gwendolyn Pang, sagte am Samstag, ihre Organisation schätze, dass rund 1200 Menschen ums Leben gekommen seien. In den Küstengebieten waren ganze Dörfer überschwemmt, viele Gegenden waren ohne Kontakt zur Außenwelt. Ein UN-Vertreter schilderte apokalyptische Szenen.

Die philippinische Rotkreuz-Chefin Pang sagte, ihre Organisation könne die Opferzahl nur schätzen. Die genaue Zahl könnten aber nur die Behörden feststellen. Die Regierung sprach am Samstagabend (Ortszeit) von 138 Toten. Energieminister Jericho Petilla sagte jedoch dem Fernsehsender ABS-CBN, er gehe von hunderten Toten allein in der Gegend um die Stadt Palo auf der Insel Leyte aus. Petilla, der aus Palo stammt, war von Präsident Benigno Aquino in die Katastrophenregion entsandt worden und verschaffte sich von einem Hubschrauber aus einen Überblick.

"Einfach alles ist zerstört"

Nach Angaben der Behörden wurden große Gebiete durch eine von „Haiyun“ ausgelöste Sturmflut komplett überschwemmt. „Stellen Sie sich einen Abschnitt von einem Kilometer Breite vom Ufer aus vor, alle Hütten, einfach alles ist zerstört“, sagte Innenminister Mar Roxas nach einem Besuch von Küstenorten auf Leyte. „Sie waren wie Streichhölzer, die ins Landesinnere getrieben wurden.“

„Haiyan“, einer der schwersten Tropenstürme aller Zeiten, war am Freitag mit voller Wucht auf die ostphilippinischen Inseln Leyte und Samar getroffen. Laut Regierung waren vier Millionen Menschen in 36 Provinzen betroffen. In vielen Gebieten war die Kommunikation mit der Außenwelt unterbrochen, weil Strom- und Telefonleitungen zerstört wurden.

Auch in der Inselhauptstadt Tacloban gab es schwere Verwüstungen, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Häuser lagen in Trümmern, nahezu alle Bäume und Strommäste waren umgestürzt. Der Flughafen von Tacloban wurde nach Angaben der Zivilluftfahrtbehörde schwer beschädigt.

Erinnerungen an den Tsunami von 2004

Der für die Koordinierung der Rettungsmaßnahmen vor Ort zuständige UN-Mitarbeiter Sebastian Rhodes Stampa sagte nach einem Besuch in Tacloban, er fühle sich an die Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2004 erinnert. „Das letzte Mal, dass ich so ein Ausmaß (an Zerstörungen) gesehen habe, war nach dem Tsunami im Indischen Ozean. „ Damals waren bei einem Erdbeben und dem darauffolgenden riesigen Tsunami 220.000 Menschen ums Leben gekommen, die meisten in Indonesien.

Staatliche und nichtstaatliche Hilfsorganisationen versuchten, zu den Opfern zu gelangen. Die philippinische Armee schickte rund 15. 000 Soldaten in die Katastrophengebiete. Sie sollten auf dem Land- oder Luftweg Hilfsgüter, Material und Kommunikationsgeräte verteilen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bot Präsident Aquino „deutsche Hilfe bei der Bewältigung der schlimmen Folgen“ des Unwetters an, wie eine Regierungssprecherin mitteilte.

In Vietnam, wo der Taifun für Sonntagfrüh erwartet wurde, wurden rund 100.000 Menschen aufgefordert, in Gemeinschaftsunterkünften Zuflucht zu suchen. „Haiyan“ dürfte dort etwa schwächer sein als beim Überzug über die Philippinen, wo Böen mit Geschwindigkeiten bis zu 315 Stundenkilometern gemessen wurden. Das Auswärtige Amt in Berlin gab Sicherheitshinweise für Reisende im südlichen Vietnam sowie in Kambodscha und Laos aus. (AFP)