Köln - Der Spendenmarkt in Deutschland hat nach neuesten Zahlen einen Rekordwert erreicht. Als steuerlich absetzbare Beträge machten die Bundesbürger erstmals mehr als sechs Milliarden Euro geltend. Dies berichten die Fachhochschule (FH) Köln und das Statistische Bundesamt, dem jetzt die Daten der Finanzbehörden für das Steuerjahr 2009 vorliegen. Der Anstieg der steuerabzugsfähigen Spenden auf 6,14 Milliarden Euro bedeutet ein Plus von 14,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – mehr als das Doppelte des Durchschnitts aus den Jahren 2001 bis 2008.

Besonders auffallend sei der immer größere Anteil der Reichen, die hohe Beträge spendeten, sagte Professor Michael Urselmann von der FH Köln: „Die oberen fünf Prozent der Steuerpflichtigen geben fast 50 Prozent aller Spenden.“ Dabei handelt es sich um Bürger mit einem Jahreseinkommen von mehr als 100?000 Euro. Dagegen ist der Anteil der Deutschen rückläufig, die überhaupt etwas geben. „Die Mehrheit spendet gar nicht, aber immer weniger Deutsche spenden immer mehr“, so Urselmann. Laut dem „Charity Scope“ der Gesellschaft für Konsumforschung und des Deutschen Spendenrats, einer repräsentativen Stichprobe unter 10?000 Bürgern ab zehn Jahren, ist die Spenderquote von 42,6 Prozent (2006) auf 33,8 Prozent (2012) gesunken.

Knick durch Lehman-Pleite

Nach der Sturmkatastrophe auf den Philippinen zeichnet sich nach einer Umfrage der Berliner Zeitung allerdings eine große Hilfsbereitschaft ab. Das Aktionsbündnis „Deutschland hilft“ berichtete ebenso wie Unicef und das katholische Hilfswerk Misereor von einer Vielzahl von Anfragen. Das sei typisch bei „plötzlich eintretenden Naturkatastrophen mit großer Medienresonanz“, sagte Helga Kuhn von Unicef. Am ersten Werktag nach den Spendenaufrufen liegen den Organisationen allerdings noch keine Zahlen zur Höhe der Spenden vor.

Aus nicht zweckgebundenen Spenden stellte „Deutschland hilft“ am Montag eine halbe Million Euro bereit. Bei Notlagen infolge politischer und militärischer Konflikte wie in Syrien täten sich Spender oft schwer, erläuterte Anja Trögner von „Deutschland hilft“. „Wer sind die Guten, wer sind die Bösen? Das ist hier schwer zu sagen.“

Zum Spendenverhalten der Deutschen sagte Michael Urselmann von der FH Köln, zwar habe es im Jahr der Lehman-Pleite und der einsetzenden Finanzmarktkrise 2009 speziell bei den Wohlhabenden einen Knick gegeben. Hier hätten sich Spender mit einem Jahreseinkommen oberhalb von 500?000 Euro zurückgehalten. Mit der schon 2010 einsetzenden Erholung erwartet der Fundraising-Experte aber einen Ausgleich dieser Delle und eine Fortsetzung des Trends hin zu den Großspendern.

Urselmann empfiehlt gemeinnützigen Organisationen daher, sich um diese Klientel intensiv zu kümmern. „Deutschland hinkt hier noch ziemlich hinterher.“ Die stetige Aufwärtsentwicklung der vergangenen Jahre sei auch der langen Friedenszeit in Deutschland zu danken. „Kriege machen Vermögen kaputt.“ Eine Art „Friedensdividende“ im Spendenverhalten sei auch aus der Schweiz bekannt. Eine weitere Erklärung für die Zunahme des Spendenaufkommens sieht der Experte in geänderten Steuergesetzen. Weil Rentner seit 2005 aufgrund des „Alterseinkünftegesetzes“ eine Steuererklärung abgeben müssen, wenn sie staatliche Zuschüsse für private Altersvorsorge beanspruchen, steigt auch das Volumen der von dieser Gruppe steuerlich deklarierten Spenden.