An Petra Ziemus Hals klebt noch die Folie über dem frischen Tattoo. Sie hat sich gerade den Schriftzug „made in Germany“ bei einem italienischen Tätowierer stechen lassen. Schmerzhaft sei das gewesen, „aber es sieht toll aus und fällt auf.“ Es ist nicht das erste Mal: Seit fast 20 Jahren habe sie ein Steißgeweih, verrät Ziemus, heute gefalle ihr das natürlich nicht mehr. Entfernen lassen wird sie es trotzdem nicht: „Ich muss es ja selbst nicht sehen.“

Man sucht die Nadel im Heuhaufen, wenn man auf der 21. Tattoo Convention am Wochenende auf dem Messegelände nach untätowierten Menschen Ausschau hält. Fast jeder hat mindestens ein Tribal am Oberarm, Sterne auf dem Rücken oder Ornamente am Dekolleté. Und nicht wenige sind gekommen, um sich das nächste Tattoo stechen zu lassen.

Die erste Convention im Jahr 1992 kam noch mit 40 Ausstellern aus, dieses Mal präsentieren sich mehr als 700 Aussteller aus der ganzen Welt, allein 80 davon aus Asien. Entsprechend groß ist das Gedränge an den Ständen der Tätowierstudios. Überall sieht man in schmerzverzerrte Gesichter, der Partner oder die beste Freundin hält Händchen. Unentwegt surren die Nadeln und es riecht nach Sterillium. Veranstalter Tommy Köhler schätzt, dass bis zu 2500 Tattoos während der Messe gestochen werden.

Die wenigsten Künstler haben Zeit für einen Plausch, aber Ole Kröger aus Hamburg lässt sich überreden. „Nichts Aufregendes“ habe er bisher auf der Messe tätowiert, unter anderem einen mit Lorbeerblättern verzierten Anker oder Schriftzüge direkt auf die Finger. Aber tut das an solchen Stellen nicht höllisch weh? „Ja“, gibt Kröger zu, „genauso wie an den Füßen, an den Rippen oder am Solarplexus.“ Er weiß das aus eigener Erfahrung, der 29-Jährige ist von den Füßen bis zum Kinn tätowiert.

Realistischere Motive durch neue Maschinen

Kröger sticht bunte Motive mit klaren Kontrasten, seine Stilrichtung heißt Neo-Traditional. In seinem Skizzenbuch sind viele schöne Frauenköpfe im Stil der zwanziger Jahre zu finden. „Ein echter Tattoo-Fan lässt sich keine kommerziellen Motive stechen“, findet Kröger. In seinen Laden Original Tattoo in Lübeck kämen täglich Kunden, die sich eine Pusteblume oder eine Vogelsilhouette wünschen. „Das ist ein reiner Ausverkauf, der nichts mit Individualität zu tun hat.“

Ein paar Stände weiter surrt die Nadel von Italiener Massimiliano Lorusso, sein Studio Translab Tattoo and Piercing liegt in Perugia. Die Porträts des Tätowierers sehen erstaunlich echt aus. Das erklärt seine deutsche Freundin Juliane Brunner, die den Kontakt zur Convention vermittelt hat. „Im Realismus wird mit schwarzen und grauen Schattierungen gearbeitet, das Ergebnis soll dreidimensional aussehen.“ Seit den Neunzigern habe sich in der Branche einiges verändert: Unzählige Farbschattierungen, bessere Nadeln und Maschinen ermöglichten eine neue Form des Fotorealismus, sagt Brunner: „Dafür ist das Publikum aber auch wesentlich anspruchsvoller geworden.“

Für Neueinsteiger sei die Convention der falsche Ort, um sich tätowieren zu lassen: „Beim ersten Mal ist man nervös und braucht Ruhe, da muss man schon ein dickeres Fell haben“, findet Brunner. Immerhin gibt es auf der Messe die Möglichkeit, ein Motiv mit Airbrush zu testen und erst einmal zu schauen, wie die Umgebung darauf reagiert.