Kann sein, dass sie ihm heute begegnen, dem Riesenkalmar. Kann sein, dass sie ihn filmen werden, unten im Atlantik. Kann sein, dass diese U-Boot-Reise in die Tiefsee besonders abenteuerlich wird. Alles ist möglich, aber erst einmal gibt es für jeden Passagier an Bord der „Lula 1000“ ein Erfrischungstuch.

„Wir arbeiten hier mit empfindlichen Instrumenten und mit Kameras, Meersalz an den Händen stört“, sagt Joachim Jakobsen. Er hat sich als Letzter von oben durch die Luke des U-Boots namens „Lula“ geschlängelt und dann weiter auf den Schalensitz vorn rechts vor der großen Sichtkuppel. Kirsten Jakobsen sitzt links und hat die Tauch-Checkliste abgehakt, dicht bedruckt, rund 70 Posten. Jetzt reicht sie die Pappschachtel mit den Tüchern herum, nimmt auch selbst. Andächtiges Händesäubern im Kollektiv. Abenteurer sind Perfektionisten.

Es ist ein Freitag, 13 Uhr, oben feinstes Sonnenwetter. Die „Lula“ liegt vier Seemeilen südlich der Azoren-Insel Pico. Um uns herum Ozean, das portugiesische Festland rund 1400 Kilometer entfernt. Hier vor Pico tummeln sich traditionell Pottwale, und wo der Pottwal ist, muss auch der Riesenkalmar sein, denn der Wal frisst den Tintenfisch.

Alle Hände sind salzfrei, es kann losgehen. Das Sinken ist ein zartes Abwärtsschweben, kaum wahrnehmbar, poetisch fast, so als säße man in einer Seifenblase. Vor der Sichtkuppel aus Plexiglas, die einen Durchmesser von 1,40 Meter hat, das Blau des Atlantiks, ein paar Blubberbläschen, Schwebstoffe. Es ist warm im U-Boot, eng, aber nicht beklemmend, ein leises Surren ist zu hören. Die Jakobsens tragen Shorts und weiße Polohemden, ihre Arbeitskleidung; sie sind barfuß.

Seit vielen Jahren ist das deutsche Ehepaar Jakobsen auf der Jagd nach dem Riesenkalmar; seit 2013 mit der „Lula 1000“, die so gelb ist, wie Forschungs-U-Boote es sein müssen, damit sie gesehen werden. Weltweit gibt es rund zehn solcher Bathyskaphe, also druckfeste Kapseln, die so tief tauchen können wie die „Lula“. Aber nur einer von ihnen ist für Nahaufnahmen von höchster Qualität ausgerüstet, die „Lula“.

Noch haben die Jakobsens ihn nicht, den Riesenkalmar. Das stört sie nicht weiter; sie sind geduldig. Sie sind sanfte Jäger, Kamerajäger, die Tiefsee um die Azoren ist ihr Revier. Es wäre andererseits natürlich schön, wenn er sich bald mal zeigte, Architeuthis dux, das sagenumwobene Monster. Das in der Literatur so oft beschrieben worden ist wie kein anderes Meeresungetüm, das Seeleute in die Tiefe gezogen haben soll, ganze Schiffe, das Walen mit seinen Saugnäpfen gewaltige Wunden zugefügt haben soll.

Was weiß man sicher über Architeuthis dux? Wenig. Groß ist er, sehr groß, ausgewachsen um die zwölf, dreizehn Meter lang vermutlich. Er hat einen gewaltigen Kopf und zehn lange Arme, wird bis zu einer halben Tonne schwer. Groß sind auch die Augen des Kopffüßers, so groß wie Volleybälle, klein ist sein Hornschnabel, ein Beißwerkzeug, das dem von Papageien ähnelt. Selten erst ist er lebend gesehen worden, tote Riesenkalmare werden dann und wann angeschwemmt; der Japaner Tsunemi Kubodera hat im Jahr 2004 ein Exemplar, acht Meter lang, fotografiert, ein zweites dann 2012 kurz gefilmt. Der Riesenkalmar ist ein Mysterium, immer noch.

Wir sinken, Joachim Jakobsen steuert das U-Boot, seine Frau filmt, wie immer. Der Gast auf dem dritten, dem rückwärtigen Sitz hat bescheidene Aufgaben; Kondenswassertropfen müssen mit Frotteetüchern bekämpft, das Team vorn ab und an mit Proviant versorgt werden. Sollten die beiden gleichzeitig einen Herzinfarkt bekommen, so hat es Joachim Jakobsen erklärt, muss ein kleiner Metallhebel links an der Bordwand umgelegt werden, damit die „Lula“ nach oben steigt. Ein unwahrscheinlicher Fall, beide Jakobsens sind schmal, wendig, durchtrainiert, ideal gebaut für lange Reisen in einem kleinen U-Boot.

Hellblau ist das Meer vor uns, noch dringt das Licht der Sonne durch. Unten wartet die Tiefsee, der größte Lebensraum der Erde und noch wenig erforscht, ein fremder Planet unter Wasser, bevölkert von seltsamen Kreaturen; der Riesenkalmar ist nur eine von ihnen. Dunkel ist es da unten, kalt, Nahrung ist rar, und es herrscht mörderischer Druck. Dort zieht es die Jakobsens mit der „Lula“ immer wieder hin. Nie aber sinken sie an derselben Stelle hinunter, Wiederholungen sind ihnen zuwider. „Überall da, wo wir tauchen, sind wir noch nie gewesen“, sagt Joachim Jakobsen, und das klingt stolz. Abenteurer sind gern besonders.

In zwanzig Meter Tiefe schwimmt ein einsamer Pilotfisch vorbei, schwarz-weiß gestreift. Die Kameras laufen schon, sie laufen immer, man weiß ja nie, wer oder was so vorbeikommt; ein Pilotfisch ist noch nicht so spannend, aber auch die Aufnahmen von ihm werden die Jakobsens in ihrem umfangreichen Film-Archiv aufheben. Es sind einzigartige Dokumente, die werden gebraucht; die Jakobsens arbeiten mit verschiedenen Universitäten und dem Deutschen Meeresmuseum in Stralsund zusammen. „Und irgendwann machen wir ihn, unseren großen Film“, sagt Joachim Jakobsen.

Nach 18 Minuten piept es, der Totmannsknopf, Kirsten Jakobsen drückt ihn, so weiß die Mannschaft oben auf der „Ada Rebikoff“, dem Trägerschiff der „Lula“, dass wir leben. In 18 Minuten wird es wieder piepen. Und Kirsten Jakobsen wird erneut den Knopf drücken; sie wird es in den viereinhalb Tauchstunden wieder und wieder tun. Das Leben des Abenteurers besteht aus Routine. Er will ja auch morgen wieder losziehen.

Wir sinken weiter, hinunter in die Tiefe. Rund 200 Meter weit dringt Licht von oben ins Meer ein, dann beginnt die Welt des Zwielichts. Dorthin dringt nur der blaue Anteil des Sonnenlichts. Er wird schwächer und schwächer werden, ab 800, 900 Metern herrscht Finsternis.

Es ist der 61. Tauchgang der „Lula 1000“; Lula heißt Kalmar auf Portugiesisch, und 1000 Meter tief darf sie, die „Lula“, offiziell sinken. Sie könnte noch tiefer. Die „Lula“ ist 7,50 Meter lang, 1,65 Meter breit und 2,65 Meter hoch; sie wird von fünf Elektromotoren angetrieben. Joachim Jakobsen hat die „Lula“ selbst entwickelt und dann den Druckkörper und auch die Sichtkuppel in Deutschland bauen lassen. Er hat selbst getüftelt und gewerkelt und tut es täglich noch. 15 000 Arbeitsstunden hat er in dieses Tauchboot gesteckt, es ist sein zweites. Das erste, kleinere hat er nach Amerika verkauft. Für die „Lula 1000“ müsste man gut drei Millionen Euro zahlen, wenn man sie denn haben könnte.

An diesem Morgen, vor dem Tauchgang,hat Jakobsen, ein feiner, eleganter Mann, braun gebrannt, 58 Jahre alt, ein paar Mal öfter geflucht als gewöhnlich. Die „Ada Rebikoff“ lag noch im kleinen Hafen von Lajes auf Pico; die „Lula“, von Trägergurten gehalten, hing im Schiffsbauch. Joachim Jakobsen kniete vor ihr auf dem metallenen Schiffsboden, bastelte am neuen Sedimentsauger, den er entwickelt hat; Luft raus, Wasser rein, Wasser raus, wieder von vorn. Neben ihm Jade, die Meeresbiologie-Studentin aus Köln, die ihre Bachelor-Arbeit über Einzeller im Tiefseeboden schreiben will. Bevor sie loslegen kann mit dem Mikroskopieren, müssen die Einzeller eingeschlürft werden vom Sauger, der sich noch nicht ganz so bewegt, wie Joachim Jakobsen es will. „Manche Sachen dauern eben“, sagte er genervt. Aber so sei das mit Prototypen.

Joachim Jakobsen ist in einer Welt der Prototypen groß geworden. Schon als Kind wollte er Tiefseeforscher werden, nie etwas anderes. Er wuchs in Cannes auf, am französischen Mittelmeer. Sein Vater arbeitete in der Werkstatt von Dimitri Rebikoff, Tauch-Fan und Pionier in der Entwicklung von Fototechnik und Unterwassergerätschaften aller Art. In Cannes wurde Joachim Jakobsen zum Ziehsohn von Rebikoff und seiner Frau Ada Niggeler. Mittlerweile sind die Rebikoffs tot. Die Stiftung, die hinter der Forschungsarbeit der Jakobsens steht und ihre Arbeit zu größeren Teilen finanziert, heißt Rebikoff-Niggeler-Stiftung. Und das Trägerschiff der „Lula“ eben „Ada Rebikoff“.

Während Joachim Jakobsen an diesem Morgen vor der „Lula“ hockte, hat Kirsten Jakobsen, 45 Jahre alt, kurze, blonde Haare, in der Kombüse der „Ada Rebikoff“ die Käse-Baguettes für die Tauchfahrt geschmiert. Das Grummeln ihres Mannes nebenan? „Ganz normal“, hat sie gesagt, es könne nicht alles immer gleich funktionieren. Sie, die aus Bad Oldesloe stammt, kennt ihn und seine Tüftel-Ambitionen seit 17 Jahren, sie nimmt Verzögerungen und damit verbundene Unlustbekundungen mit schleswig-holsteinischer Diplomatie.

Wo sie sich kennengelernt haben? In der deutschen Botschaft in Lissabon, sie war dort angestellt. Er lebte längst auf der Azoreninsel Faial, war als potenzieller Weltumsegler dort hängengeblieben. Er kam dann in die Botschaft, weil er einen Stempel auf einem Dokument brauchte. Sie hatte den Stempel. Inzwischen haben sie zwei Kinder, eine Tochter, einen Sohn. Und die zweite „Lula“ schon. Er habe Kirsten davon überzeugt, dass seine Liebe und sein U-Boot sie glücklich machen würden, sagt er gern. Es sei wohl eher die Liebe gewesen, sagt sie dann, weniger das U-Boot. Irgendwann hat er sie dann mit der Sehnsucht nach Entdeckungen infiziert.

Ihre wichtigsten bislang sind eine mehr als 500 Jahre alte Tiefsee-Auster, die als ältestes lebendes Tier der Welt gilt, und das einzige bekannte lebende Korallenriff der Azoren. Das haben sie vor zwei Jahren gefunden, auf einer der frühen Fahrten mit der „Lula 1000“. Als drittes Besatzungsmitglied mit an Bord war Ana, die Tochter, damals dreizehn. Und so heißt das Riff nun Mount Ana. Die Jakobsens sind dann ein paar Mal dort getaucht, pflichtbewusst, haben es vermessen. Aber irgendwann sei es dann auch gut gewesen, hat Kirsten Jakobsen an diesem Morgen gesagt und das nächste Käsebrot zusammengeklappt. „Wir wollen immer wieder etwas Neues sehen. Lieber in der freien Wassersäule stehen und warten, als dauernd dasselbe Riff begucken.“

Und nun stehen wir hier, Ganz frei im Wasser,und warten. 600 Meter zeigt der Tiefenmesser an, 10,2 Grad Celsius das Thermometer, seit 30 Minuten sind wir unterwegs, sind gesunken und gesunken, 100 Meter pro fünf Minuten. Haben einen einzelnen Tiefsee-Beilfisch, um die 15 Zentimeter lang, gesehen, der eine vorzügliche Tarnbeleuchtung an der Unterseite des plumpen Körpers besitzt, weshalb er schwer zu filmen ist, wie die Jakobsens erklären. 90 Prozent aller Lebewesen in der Tiefsee verfügen über eigenes Licht. Damit verwirren sie Feinde, locken Beute an. Eine blinkende Qualle ist elegant vorbeigeweht, aufgetakelt mit roten und blauen Lichtern, als wäre sie auf dem Weg in die Disco.

Nun nähert sich von links ein Degenfisch, lang, dünn, mit spitzem Kopf, er sieht erst aus wie ein schwarzer Stock, im Licht der starken Scheinwerfer glänzt er dann silbern. Ein zweiter traut sich vor die Sichtkuppel, ein dritter, sie schwimmen senkrecht. „Das hat man bis vor wenigen Jahren nicht gewusst“, sagt Joachim Jakobsen. Und ergänzt, dass das Licht der „Lula“ die Fische anziehe und nicht abschrecke. Scheint zu stimmen, um die zwanzig Degenfische, dreißig, vierzig Zentimeter lang vielleicht, tanzen nun vor uns, ein silbriges Ballett. Gibt es auch Kollisionen mit Fischen? Selten, erklärt Kirsten Jakobsen, die eifrig die Kamera bedient, an die Tiere heranzoomt, die sich versammelt haben. Neulich seien sie mit einem Thunfisch zusammengestoßen, ein ungewöhnlicher Unfall ohne Verletzte.

Die „Lula“ sei eine überdimensionierte Unterwasserkamera, erklärt Kirsten Jakobsen. Und wir sitzen im Objektiv. Mit keinem anderen U-Boot könne man sich so frei bewegen, so ungestört filmen. Was viele Vorteile hat, aber auch einen Nachteil. Durch die „Lula“ sind die Jakobsens berühmt geworden, berühmter vielleicht, als sie es sein wollen. Sie sind jetzt manchmal Tiefsee-Chauffeure, was Geld bringt, aber auch Unruhe.

Immer wieder wollen Gäste mit nach unten. Privatmenschen, ältere oft, die bereit sind, für einen Tauchgang 7 500 Euro zu zahlen. Vor allem aber Fernsehmenschen, die von der Technik, dem Wissen und den Bildern der Jakobsens profitieren dürfen. Diverse Tauchgänge haben die beiden in den vergangenen Monaten zusammen mit BBC-Journalisten gemacht; in der dreiteiligen Serie „Atlantic – The Wildest Ocean on Earth“ sind sie Hauptdarsteller in der Kategorie „Mutige Entdecker“. In den vergangenen Wochen wiederum ist der britische Sender ITV mit an Bord gewesen, für die Serie „Life at the Extreme“, die zeigt, wie Tiere an den heißesten, kältesten, feuchtesten und tiefsten Plätzen der Erde überleben.

Mutige Entdecker? Leben im Extremen? Doch, doch, das sei alles sehr schön und interessant, sagt Joachim Jakobsen, anstrengend allerdings auch. Sie sind eigentlich ganz gern unter sich, die Jakobsens, zu zweit, ein eingeschworenes Team, das die Tiefe schätzt. Sie brauchen keine Zuschauer dabei. Aber sie sind auch sehr höflich und würden das nie laut sagen.

Wie sie auch untereinander stets höflich streiten, jetzt gerade zum Beispiel, weil sie fast gleichzeitig einen Streifen links außen auf der Sichtkuppel entdeckt haben, einen Streifen zwischen all den Degenfischen, einen Putzstreifen. Nicht gut genug gewienert, sagt er. Da ist wohl einer beim Basteln am Sauger noch mal drangekommen, sagt sie. Weil aber gerade ein Großer Drachenkopf vorbeischwimmt, ist keine Zeit, die Putzstreifendebatte auszudehnen, auch dieser Fisch muss in Szene gesetzt werden. Und ein Degenfisch frisst vor der Kamera. Gemeinschaftliches Jauchzen. Der Putzstreifen ist vergessen. Abenteurer müssen Prioritäten setzen. Es ist 15 Uhr, wir sinken weiter.

Joachim Jakobsen bittet um ein Baguette, lässt sich dann eine Fanta-Dose reichen. 832 Meter zeigt der Tiefenmesser an, das Wasser ist jetzt 9 Grad kalt. Auf der Sichtkuppel laste, wenn wir gleich die Tausend-Meter-Marke erreichen, ein Druck von 1 012 Tonnen, sagt der Technikmann Jakobsen, das entspreche zweieinhalb Jumbojets, voll getankt. Schwer vorstellbar, man stemmt ja gewöhnlich keine Flugzeuge. Und zu spüren ist hier im Inneren der „Lula“ nichts davon. Muss man sich fürchten? Vor dem Druck? Der Tiefe? Dem Riesenkalmar? „Ich habe eine Frau, zwei Kinder, und ich lebe sehr gerne, glauben Sie mir. Ich weiß, was ich tue“, sagt Joachim Jakobsen und lässt sich noch einen Riegel Schweizer Schokolade geben. Seine Frau bleibt beim Käsebrot. Draußen schwebt eine rosa Qualle vorbei wie ein Seidentuch.

981 Meter. „Da, ein Chiroteuthis juvenil“, murmelt Kirsten Jakobsen. Ah, ein Kalmar. Endlich! Weißlich ist er, ein wenig durchsichtig, die dünnen Arme gleiten hinter dem Körper her. Kaum ist er erschienen, entschwindet er schon wieder oberhalb der „Lula“. Die Jakobsens schauen sich kurz an, betrübt, und blicken gleich wieder nach vorn. Tatsächlich, da ist der nächste Kalmar, ein größerer, ein Meter lang vielleicht, rötlich, getupft. Zeigt sich kurz, entschwindet seitwärts. Und dann schwebt eine bräunliche Tintenwolke vor dem Fenster vorbei, vom Kalmar ausgestoßen auf der Flucht. Vorbei, er ist weg.

Sieben Meter hoch und vier Meter tief war die Tintenwolke, die die Jakobsens während ihrer ersten Tauchfahrt mit der „Lula 1000“ sahen, gigantisch. Er ist also hier, der Riesenkalmar, vor den Azoren, wir werden ihn bald haben, das haben sie gedacht. Seitdem haben sie weder ihn gesehen noch eine Tintenwolke von diesen Ausmaßen. Wird schon noch werden, sagt Joachim Jakobsen und schaut auf die kleine, braune Wolke vor uns.

1018 Meter, kurz vor halb vier, wir haben den Meeresboden erreicht. 8,1 Grad kalt ist das Wasser. Kirsten Jakobsen zieht sich Socken an. Zu sehen ist eine Berglandschaft, wir gleiten über den Grund, hinauf, hinunter. Täler, Anhöhen, Plateaus, Gipfel. Sand und Fels im Wechsel. Korallen da und dort, junge, um die 500 Jahre alt, abgebrochene auch, die seit vielleicht 10 000 Jahren dort liegen. Ein brauner Fisch schwimmt langsam vorbei, sieht aus wie aus einer Urzeit übrig geblieben. Zwei Krabben auf einem Felsen dann in inniger Umarmung, eine Seespinne, ein Grenadierfisch, gedrungen, wie viele Tiefseefische, der Körper abgeflacht. Ein Froschfisch liegt träge auf dem Grund, er schwimmt nicht gern.

Und schließlich ein Tiefsee-Hai, einen Meter lang oder sogar länger, braun, roh, er bewegt sich provozierend lahm, auch er sieht aus, als entstamme er einem anderen Zeitalter. „2003 haben wir ihn einmal gesehen, in diesem Jahr ist das jetzt das zweite Mal. Oxynotus paradoxus. Man nennt ihn auch Graue Meersau. Eine Rarität, den haben noch nicht viele Menschen lebend in der Tiefe getroffen“, sagt Kirsten Jakobsen.

Genug geschaut, es gibt noch zu tun,die Sedimentproben, der Sauger, Joachim Jakobsen sucht nach einem Landeplatz. Wir finden ihn in einem Feld mit weißen Schwämmen, 887 Meter tief. Joachim Jakobsen steuert die „Lula“, erklärt seiner Frau, welchen Schalter des neuen Saugers sie wann bedienen muss. Sie fragt, ob er die Stoppuhr benutzen wolle. Er sagt, er zähle lieber, das sei präziser. Manchmal im Leben muss man sich auf die Ich-Zeit verlassen. Es ist nicht ganz leicht mit dem Sedimentsauger, der unterhalb der Sichtkuppel hängt, blindes Arbeiten, Ausprobieren, aber irgendwann ist genug Sand vom Grund eingeschlürft, Einzeller inklusive. Hoffentlich jedenfalls, es ist mal wieder Pionierarbeit.

16.30 Uhr, Zeit für den Aufstieg. Die „Lula“ steigt genauso langsam nach oben, wie sie gesunken ist, die Jakobsens entspannen sich merklich. Vom Stress der letzten Wochen berichtet Joachim Jakobsen, in den vergangenen drei Monaten hätten sie gerade mal zwei Tage freigehabt. Das Tauchen sei ja nur ein Teil ihrer Arbeit, die „Lula“ müsse gepflegt, das Filmmaterial gesichtet, ausgewertet, archiviert werden. Und oben warte garantiert wieder eine SMS von den Fernsehkollegen. Kirsten Jakobsen schweigt ausdauernd. „Hier unten ist es viel besser als da oben“, sagt sie irgendwann. Dann sind wir oben.

Steigen durch die obere Luke aus, stehen auf der gelben „Lula“, winken der Crew der „Ada Rebikoff“. Bartolomeu, der Schiffsjunge, sammelt uns mit dem Schlauchboot ein, bringt uns zum Mutterschiff. Mit der „Lula“ im Schlepp geht es zurück in den Hafen von Lajes. Es ist 18 Uhr, Whale-Watching-Boote starten zu ihrer letzten Tour und fahren hinaus. Die „Lula“ wiederum fährt hinein ins Mutterschiff, Skipper Felipe kurbelt wie wild, dann hängt sie wieder in den Seilen, die Bodenklappen schließen sich. Jade, die Studentin, lauert schon mit Reagenzgläsern für den Sand aus dem Sauger.

Nach dem Aufräumen gibt es Eis und Bier an Deck. Anders als sonst wollen die Jakobsens in diesem Jahr auch im Winter tauchen, erzählen sie, vielleicht sogar nachts, wenn die Tiere der Tiefsee aufsteigen, um besser an Nahrung zu kommen. Das Unbekannte lockt. Und wird es noch ein drittes U-Boot geben? Sie rechne eigentlich fest damit, sagt Kirsten Jakobsen. Und der Riesenkalmar? Er muss hier sein, sagt Joachim Jakobsen. Wenn ihn nicht ein Wal gefressen hat, sagt seine Frau. Dann lachen sie. Abenteurer dürfen nicht verzagen.