In Offfenbach wird eine 43 Jahre alte zweifache Mutter beigesetzt. 
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Offenbach/Hanau  - Die Tauerhalle in Offenbach ist mit vielen Blumen geschmückt, vor allem mit roten Rosen. Ein großes Foto zeigte eine lebensfrohe Frau. „Sie ist bei Gott, anders kann es gar nicht sein“, sagt der katholische Geistliche bei der Trauerzeremonie. Und mit Blick auf die Motive des Täters, aber auch die Wut vieler Menschen über das Verbrechen, betont er: „Wenn wir anfangen zu hassen, dann können wir nicht lieben.“ Angehörige und Freunde nehmen am offenen weißen Sarg Abschied von der Toten. Der Vater der Toten sagt: „Sie hat das Leben so sehr geliebt.“

Auch Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) kommt zur Beisetzung. Er kritisiert das Wort Fremdenfeindlichkeit in den Berichten über die Toten. Die Ermordeten seien keine Fremden gewesen: „Sie waren Mitbürger unserer Gesellschaft.“ Die zweifache Mutter hatte im Hanauer Stadtteil Kesselstadt Pizza holen wollen, als sie erschossen wurde. Sie sei „ein Opfer von Rassismus und Hass“, sagt Kaminsky.

"Wir funktionieren."

Ein 43-jähriger Deutscher hatte in der Nacht zum Donnerstag insgesamt neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Der Sportschütze soll auch seine 72 Jahre alte Mutter und sich selbst getötet haben. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der mutmaßliche Täter eine rassistische Gesinnung und war psychisch krank.

Nur wenige Kilometer entfernt am gleichen Tag: „Wir funktionieren“, sagt Abdullah Unvar. Die Ringe unter seinen Augen sind dunkel. Er hat kaum geschlafen in den vergangenen Tagen. „Wie auch?“, fragt er und blickt zu Boden. Seit Mittwochabend funktionieren sie in der Familie Unvar. An jenem Abend bekommt Abdullah um 22.15 Uhr einen Anruf. In Hanau habe es einen Anschlag gegeben. Ferhat sei unter den Opfern. Er versucht, seinen Cousin zu erreichen. Aber der reagiert weder auf Anrufe, noch auf Nachrichten.

Ferhat Unvar  wollte an dem Abend im Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz schnell noch Zigaretten kaufen. Dort wird er Opfer von  Tobias R. Abdullah, Ferhats Cousin, macht sich von Butzbach aus auf den Weg nach Hanau. Bis kurz nach 4 Uhr sitzt er in der Turnhalle der Polizei im Lamboy, dann öffnet der Polizeipräsident die Tür und verliest die Namen der Getöteten. Ferhat Unvar steht auch auf der Liste.

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Der 23-Jährige, dessen kurdische Familie aus der Türkei nach Deutschland geflohen war, ist in Hanau geboren und hier mit seinen beiden Brüdern und einer Schwester aufgewachsen. Gerade hatte er seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker in einem Sanitärbetrieb abgeschlossen, das Leben noch vor sich. 

 Appell, die Opfer nicht politisch zu instrumentalisieren

Nun sitzen sie  in der Turnhalle der Heinrich-Heine-Schule, nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt. Familie. Freunde. Nachbarn. Es ist 12.30 Uhr. Immer mehr Menschen ziehen in die Halle.

Eine junge Frau namens Leyla ergreift das Wort auf Deutsch. „Heute“, sagt sie, „ist der Tag, an dem wir uns Hand in Hand Kraft geben und uns nicht allein lassen.“ Der Imam hebt  zu einer längeren Rede an. Emine Pektas, Kreistagsabgeordnete der Linken, Vertreterin der Kurdischen Föderation und seit 2000 in Hanau wohnend, übersetzt. Der Imam spricht er über die kurdische Herkunft des Getöteten und über die Türkei. Sein Tonfall steigert sich. Pektas erklärt, man wolle nicht, dass der Tod von Menschen instrumentalisiert werde für
 politische Zwecke. Und sie ärgert sich, dass es Trauerveranstaltungen von türkischen Regierungstreuen gibt, die separat stattfänden. „Können wir uns in einer solchen Situation nicht zusammentun?" Und:  „Wir müssen uns alle auch in den politischen Parteien fragen, welche Fehler wir in der Vergangenheit gemacht haben, dass die Neonazis so stark geworden sind, alle“, sagt sie.

Am Tisch neben den Fotos von Ferhat Unvar und den Blumen liegen sich Frauen in den Armen, stimmen ein Klagelied an. Schrill. Durchdringend. Wenig später machen sie sich, das Bild des jungen Mannes an die Brust geheftet, auf den Weg zum Hanauer Hauptfriedhof. Die Verkehrsbetriebe haben Busse bereitgestellt. 

Auf dem Friedhof versammeln sich nach und nach Hunderte von Menschen. Sie alle wollen den ermordeten Ferhat auf seinem letzten Weg begleiten. Vor der Trauerhalle  richtet Ferhats Mutter Serpil das Wort an die Trauergemeinde: Ihre Trauer sei unermesslich, sagt sie auf Türkisch. Ihr Sohn Ferhat habe gerade seine Ausbildung beendet und eine Arbeitsstelle antreten wollten. Menschen, die „Ausländer“ immer pauschal in Zusammenhang brächten mit „Arbeitslosigkeit“ sollten bedenken, dass alle jungen Menschen, die am Mittwochabend gestorben seien, freundliche und fleißige Menschen gewesen seien. „Es sollen nicht noch mehr Mütter um ihre Kinder weinen müssen“, übersetzt eine junge Türkin ihre Worte. „Passt auf euch auf“, richtet die Mutter das Wort auch an die Freunde und Verwandten ihres Sohnes und küsst dessen blumengeschmückten Sarg.  Er wird  von Freunden zur muslimischen Gräberstätte auf dem Friedhof getragen. 

Ein echter "Hanauer Bub"

Dass Oberbürgermeister Claus Kaminsky, der auch an dieser Trauerfeier teilnimmt, Worte des Trostes und der Unterstützung spricht, dass er ankündigt, auf dem Friedhof werde eine Gedenkstätte für die Opfer errichtet, gebe der Familie Halt, wie deren Mitglieder nach seiner Rede am Rande der Veranstaltung sagen.

Der OB erinnert daran, dass Ferhat am 14. November 1996 in Hanau  zur Welt kam und eines von vier Geschwistern war. „Ferhat war wahrlich ein Hanauer Bub. Er hat sich trotz seiner kurdischen Wurzeln immer vor allem als Deutscher gefühlt“, sagt Kaminsky. Der junge lebensfrohe Mann, der auf Techno und Hip-Hop-Musik stand, habe „in unser allen Herzen ein Denkmal“, so der OB.

Zur selben Zeit gedenken bei einem öffentlichen Gebet auf dem Hanauer Marktplatz Hunderte Menschen drei der bei dem Anschlag getöteten Opfer. Die in türkische Fahnen gehüllten aufgebahrten Särge stehen vor einer Bühne, auf der muslimische Geistliche Trauergebete sprechen. Nach dem Abschluss der Gebete in türkischer Sprache werden die Särge in bereitstehende Leichenwagen getragen.