Ein Blick auf ein provisorisches Lager neben dem Lager Moria auf der Insel Lesbos.
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Athen47 junge Flüchtlinge wurden am Sonnabend aus den griechischen Elendslagern nach Hannover ausgeflogen. Weitere werden bald folgen. Deutschland plant, etwa 350 bis 500 unbegleitete Minderjährige aufzunehmen. Auch andere EU-Staaten haben sich bereit erklärt, Kindern und Jugendlichen, die auf der Flucht in Griechenland gestrandet sind, eine neue Heimat zu geben. Für jene, die noch in den Lagern ausharren, bedeutet das die Chance auf ein neues Leben.

Die Lage in den Lagern ist katastrophal: Erst in der Nacht zu Sonntag hat die Polizei im überfüllten Lager Vial auf Chios Medienberichten zufolge massiv Tränengas eingesetzt, um aufgebrachte Migranten auseinanderzutreiben. Zuvor war eine 47 Jahre alte Frau nach einer Infektion gestorben. Das Krankenhaus der Insel dementierte Gerüchte, wonach die Frau an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben sei. Wie örtliche Medien weiter berichteten, schleuderten überwiegend junge Migranten Steine auf die Polizei und legten Feuer in einer Kantine und in einigen Zelten. Sie warfen den Behörden vor, sich nicht ausreichend um die gestorbene Frau gekümmert zu haben. Die Lage hatte sich erst am Sonntagmorgen beruhigt, wie der Staatssender der Region Nordägäis berichtete.

Aber auch abgesehen von solchen Ausnahmesituationen sind die Bedingungen hart. Im Camp Vathy auf Samos leben zehnmal so viele Menschen wie vorgesehen. Dort teilen sich 22 minderjährige Mädchen einen Wohncontainer, der für fünf Bewohner ausgelegt ist. Moria auf Lesbos ist sechsfach überbelegt. Allein reisende Kinder und Jugendliche, die hier neu ankommen, werden zumeist provisorisch in einem großen Zelt untergebracht.

„Ich habe hier kein Bett, nur etwas Pappe, die ich auf den Boden lege, um zu schlafen“, berichtet der 16-jährige Jafar den Besuchern von HRW. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen in dem Zelt leben, aber es ist voll. Es gibt Familien, einzelne Männer, die viel Alkohol trinken, und unbegleitete Minderjährige“, so Jafar. „Nachts gibt es kein Licht im Zelt, weil alle Lampen kaputt sind. Es macht mir Angst, weil ich nicht weiß, wer oder was sich im Zelt bewegt.“

Auf ein neues Leben hoffen laut dpa der 15-jährige Ali und der ein Jahr ältere Reza. Die beiden Freunde stammen aus Afghanistan. Sie leben im berüchtigten Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. „Als ich hier ankam, gaben sie mir einen Schlafsack und sagten: „Such dir draußen einen Platz“, erzählt Ali. Reza berichtet: „Wir haben um ein Zelt gebeten, aber sie haben uns keins gegeben.“ Die beiden Jungen schliefen auf Wellpappe unter freiem Himmel, als Mitarbeiter der Hilfsorganisation Human Rights Watch (HRW) sie interviewten. Die Organisation hat die Schicksale Dutzender allein reisender Minderjähriger dokumentiert.

Nach offiziellen Angaben lebten in Griechenland Ende März 5252 Migrantenkinder und Jugendliche, die keine Angehörigen haben. Manche verloren ihre Eltern und Geschwister in den Wirren der Flucht. Andere sind Waisenkinder, die sich allein auf den Weg machten, oder Jugendliche, die von ihren Familien allein auf die Reise nach Europa geschickt wurden – „Familiennachzug“ ist in den Herkunftsländern kein Fremdwort.

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Allein in den Auffanglagern auf den Ägäisinseln Leros, Samos, Lesbos, Chios und Kos leben 1637 unbegleitete Kinder und Jugendliche. Die Bedingungen sind katastrophal.

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Unterstützung der EU

5252 Migrantenkinder und Jugendliche leben ohne  Angehörige in griechischen Flüchtlingslagern. 47 junge Flüchtlinge hat Deutschland am Sonnabend aufgenommen. Weitere 350– 500 sollen hinzukommen. 1600 Minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland sollen insgesamt von EU-Staaten aufgenommen werden.

Nur etwa 2000 unbegleitete Minderjährige werden bisher in Griechenland altersgerecht untergebracht und betreut. Giorgos Protopapas ist Direktor der SOS-Kinderdörfer in Griechenland. Die Organisation hat jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Waisen und Kindern aus zerbrochenen Familien. „Viele dieser Kinder und Jugendlichen sind tief traumatisiert, einige sind apathisch, andere aggressiv“, weiß Protopapas.

Deutschland, acht EU-Staaten und die Schweiz helfen

„Man kann sie nur in Gruppen von höchstens 25 Gleichaltrigen unterbringen, für ihre Betreuung braucht man rund um die Uhr Pädagogen, Mediziner, Psychologen und Dolmetscher“, sagt Protopapas. Die Kosten für eine solche Wohngemeinschaft beziffert er auf mindestens 40.000 Euro im Monat.

Seit langem bemüht sich Griechenland um Unterstützung der EU. Jetzt kommt die Hilfe endlich in Gang. Nach Luxemburg und Deutschland wollen weitere acht EU-Staaten und die Schweiz zusammen etwa 1600 allein reisende Minderjährige aus Griechenland aufnehmen. Hilfsorganisationen appellieren unterdessen an die griechische Regierung, sich intensiver um die Zurückgebliebenen zu kümmern – vor allem um jene 331 Minderjährigen, die derzeit noch in „Schutzhaft“ auf Polizeiwachen untergebracht sind.

Eva Cossé, Griechenland-Beauftragte von Human Rights Watch, warnt: „Kinder in schmutzigen Arrestzellen einzusperren, war immer schon falsch, aber jetzt kommt das Risiko einer Corona-Infektion hinzu.“ Cossé appelliert an die Regierung, „diesen verletzlichen Kindern die Zuwendung und den Schutz zu geben, die sie verdienen.“