Rabbi Yehuda Teichtal, fotografiert in der Synagoge des Jüdischen Bildungszentrums Chabad Lubawitsch in Berlin.
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Rabbiner Yehuda Teichtal, Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender von Chabad Berlin sorgt sich vor einem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Zusammen mit seinem Sohn ist er 2019 selber Opfer eines antisemitisch motivierten Angriffs geworden, zu dem die Ermittlungen mittlerweile wieder eingestellt wurden.

Berliner Zeitung: Wie verfolgen Sie den Prozess in Halle?

Yehuda Teichtal: Ich verfolge den Prozess mit großer Aufmerksamkeit, denn die über 50 Menschen innerhalb der Synagoge sind nur knapp einem Blutbad entkommen. Natürlich hoffe ich auf ein klares Urteil, das hier ausgesprochen wird.

Welches Signal sollte von dem Prozess ausgehen?

Das Signal sollte sein, dass es in der Gesellschaft keinen Ort und kein Verständnis für rassistisches Gedankengut geben darf. Kurz: Keine Toleranz für Intoleranz. Der Mörder zeigt auch bei Prozessbeginn keine Reue, man muss verstehen, woher das überhaupt kommt.

Sie selbst wurden Opfer einer antisemitischen Attacke. Wie wurde die Tat verfolgt?

Der Angriff auf mich und meinen Sohn vor einem Jahr wurde trotz eindeutiger Täteridentifizierung leider eingestellt. Das finde ich sehr unglücklich, denn genau davon geht ein Zeichen für Inkonsequenz aus. Die Menschen müssen verstehen, dass es kein Hassangriff auf eine Gruppe der Gesellschaft ist, sondern ein Angriff auf die Werte der Demokratie und damit ein Angriff auf die ganze Gesellschaft.

Sehen Sie in der Jüdischen Gemeinde eine Zunahme von antisemitischen Vorfällen? Welcher Art sind die Vorfälle?

Auf einer Seite wächst und gedeiht das jüdische Leben in Deutschland wieder. Das sehen Sie auch am Bau des Jüdischen Campus, der als ein Ort des Zusammenkommens und der Toleranz konzipiert ist – es gibt Bedarf. Das ist die positive Entwicklung. Gleichzeitig haben jüdische Menschen wieder Angst, wenn ihre Kinder allein unterwegs sind. Wir brauchen ein Vertrauen in die Gesellschaft und zwar das wichtigste aller Vertrauen – eins in unsere Sicherheit. Ohne Angst zu leben, ist die Basis und das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft.

Aus welchen Gruppen kommen die antisemitischen Angriffe? Sehen Sie eine spezifische Situation in Berlin?

Es gibt rechten, linken und muslimischen Antisemitismus. Hier in Berlin ist gefühlt der letztere die größere Sorge.

Fühlt sich die Jüdische Gemeinde ausreichend geschützt?

Nicht ausreichend. Aber nicht, weil Polizei oder Regierung sich keine Mühe geben. Wir wissen die Mühe der Regierung und den Objektschutz durch die Polizei durchaus zu schätzen. Aber ausreichend wird es sein, wenn jüdische Menschen keine Angst mehr haben müssen. Wenn Kinder in der U-Bahn keine Angst mehr haben müssen, weil sie einen Davidstern-Anhänger tragen. Es geht hier nicht nur um die staatliche Ebene, sondern vor allem die gesellschaftliche. Ich hätte zum Beispiel bei dem Angriff auf mich erwartet, dass sich muslimische Verbände klar positionieren und von der Tat positionieren. Die Tat war ja muslimisch motiviert. Wir müssen durch Bildung und Aufklärung, auch durch Lehrkräfte, Antisemitismus und den Umgang damit erkennen. Es geht darum, nicht wegzuschauen. Intoleranz gegen eine Gruppe heute ist Intoleranz gegen eine andere morgen: Heute sind es Juden, morgen Muslime, Homosexuelle oder Frauen. Toleranz gründet auf dem Verstehen, dass wir nach dem Ebenbild G’ttes alle gleich sind.