Berlin - Die öffentlichen Debatte um Teilhabe, Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung wird von grotesken Kampfbegriffen verzerrt. „Genderwahn“ oder auch „Gendergaga“ schreien Diskutierende, denen die ganze Richtung nicht passt: Frauenquote, geschlechtergerechte Sprache, Strafen für Konversionstherapien, dagegen wird in den sozialen Medien erhitzt gestritten. Wer wagt, sich hier mit Sachargumenten einzumischen, wird sein blaues Wunder erleben: Teilnehmer überbieten sich gegenseitig mit steilen Meinungen; faktenbasierte Einwände und Erfahrungen werden bestenfalls mit Lach-Smileys bedacht oder ignoriert, Andersdenkende übel beschimpft.

Wir befinden uns in einer übel riechenden Filterblase, zum Greifen nahe wabert auf der einen Seite diejenige von Corona-Verharmlosern, auf der anderen die noch unappetitlichere der Flüchtlingsbeschimpfer. Gar nicht so selten schreien dieselben Leute zu allen drei Themen ihre vorgefertigte Meinung heraus. Überwiegend sind es Männer, politisch stramm rechts, vereint in der Verachtung der von ihnen so genannten Altparteien und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Der antifeministische Diskurs wird gerade mit Nachdruck von einigen Intellektuellen befeuert, die ihre Stunde kommen sehen. Ironischerweise machen auch einige Frauen mit, wenn gegen die Teilhabe von Frauen gewettert wird. Mit dem Hashtag #ganzwichtig macht sich Birgit Kelle auf Twitter über diejenigen lustig, die mangelnde Diversität der Feuerwehr beklagen. Auch in der Bundeswehr hätten Frauen nichts zu suchen, so das Weltbild der Autorin. So richtig in Rage gerät sie, wenn es um Frauen geht, die ihrer Ansicht nach gar keine sind: Transfrauen nämlich. Wenn Birgit Kelle den Entwurf zur einem neuen Gesetz „analysiert“, der das obsolete Transsexuellengesetz (TSG) ersetzten soll, tönt sie so: „Die Folgen wären dramatisch ... (das Gesetzesvorhaben) endet in einem Ziel, das man nicht anders als düster beschreiben kann.“ Ein von der Autorin gerade entdecktes Offenbarungsverbot, nämlich eine frühere Geschlechtszugehörigkeit und Vornamen einer Transperson gegen deren Willen auszuforschen und weiterzugeben – längst im geltenden TSG verbrieft (§5) – nennt Kelle eine „amtlich dokumentierte Lüge“, das Gesetzesvorhaben als Ganzes „sabotiert die Errungenschaften von 100 Jahren weiblicher Emanzipation“.

Dieser als „Analyse“ verkaufte Text peitscht mit viel Meinung und fulminanter Ahnungslosigkeit durch ein komplexes Gesetzesvorhaben, ohne jedes Mitgefühl für die davon Betroffenen. Verfasst von einer TERF. Trans Exclusive Radical Feminists werden im Englischen diejenigen bezeichnet, die Trans-Frauen canceln, um andere Frauen vor diesen zu schützen. Sobald Transgender gegen derartige Diffamierungen aufbegehren, pflegen TERFs zu heulen, Opfer der „Cancel Culture“ geworden zu seien.

Darüber könnte man lachen, wenn es nicht so brandgefährlich wäre. Denn Transgender mit ihren oft tiefen Leidenserfahrungen verzweifeln an der aktuellen Gesetzeslage. Relevanter als dieses Getöse scheint, wie gerade parteiübergreifend um geeignete Lösungen gerungen wird, trotz aller Gegensätze ein verfassungswidriges Altgesetz durch ein zeitgemäßes zu ersetzen. Konstruktive Kritik bleibt willkommen, aber für tosenden Filterblasen-Beifall verfasste und als „Analyse“ verbrämte Hassreden braucht niemand.