München - Am 175.Verhandlungstag in dem seit anderthalb Jahren laufenden NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München kommen erstmals die Opfer des Nagelbombenanschlags im Juni 2004 zu Wort. Als erster Zeuge hat am Morgen der italienisch-stämmige Sandro D. ausgesagt. Der heute 34 Jahre Zerspanungstechniker, der seinen alten Beruf durch die Folgen der Verletzungen nicht mehr ausüben kann, zählt zu den Geschädigten mit den schwersten Beeinträchtigungen.

Er hielt sich an jenem Tag zusammen mit seinem türkischen Bekannten Melih K. zufällig in der Keupstrasse auf, um sich in einem türkischen Schnellrestaurant ein Dönerbrötchen zu holen. Als die auf den Gepäckträger eines Fahrrads deponierte Bombe explodierte, passierten die beiden gerade den Friseursalon, vor dem das Rad abgestellt war.

Opfer als Verdächtige behandelt

Beide gaben an, sie seien während ihrer ersten Vernehmungen im Krankenhaus von der Polizei als Tatbeteiligte verdächtigt worden. Melih K. berichtete in seiner Zeugenbefragung, seine Eltern seien nicht von der Polizei benachrichtigt worden, dass er bei dem Anschlag schwere Verletzungen erlitten hatte und notoperiert werden musste. Seine Familie sei erst durch den Anruf seiner in der Türkei lebenden Großmutter, die Berichte aus Köln-Mülheim im türkischen Fernsehen gesehen hatte, auf sein Schicksal aufmerksam geworden. Beide berichteten übereinstimmend, ihnen sei untersagt worden, vom Krankenhaus aus Kontakt zueinander aufzunehmen.

Beide Opfer leiden bis heute vor allem den psychischen Spätfolgen des Anschlags. Sandro D. (heute 34) ist auf Arbeitssuche, Melih K. (31) musste seine Ausbildung abbrechen, danach jahrelang aussetzen, weil er nicht in der Lage war, eine neue Ausbildung zu beginnen. 2011 ließ er sich zum Bürokaufmann umschulen und arbeitet seit kurzem in der Kölner Justizverwaltung.

Nägel aus dem Körper entfernt

Als „sachverständige Zeugen“ wurden anschließend auch die damaligen behandelnden Ärzte gehört. Prof. Dietmar Pennig (Unfallchirurgie Merheim) berichtete, sein Patient Sandro D. habe erhebliche Rissverletzungen an der Schulter, an einem Oberschenkel und am linken Trommelfell erlitten. Innerhalb von vier Wochen waren insgesamt sechs operative Eingriffe nötig. D. wurde u.a. ein 12 Zentimeter langer Zimmermannsnagel aus dem Arm entfernt.

Aus dem Körper seines Freundes mussten insgesamt neun dieser Nägel herausgeholt werden, gab sein damaliger Operateur Klaus Rehm (Universitäts-Klinikum Köln) an. „Es war so kompliziert, das ich mir eine Skizze anfertigen musste“, sagte Rehm.

Während des ganzen Prozesstages machten Vertreter der „Initiative Keupstrasse ist überall“ bei einer „Dauer-Kundgebung“ vor dem Gerichtsgebäude auf die ihrer Ansicht nach bestehenden Defizite bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen aufmerksam. Gefordert wurde u.a. die „Aufdeckung des dahinter stehenden Neonazi-Netzwerks.“ Für den frühen Abend ist ein Protestzug durch die Münchner City geplant.