Istanbul - Wieder Dutzende Tote, wieder verzweifelte Angehörige – und wieder hilflose Politiker, die formelhaft vom Kampf gegen den Terror sprechen: Das ist die Türkei am Neujahrstag 2017, nachdem ein oder mehrere Attentäter in der noblen Disco Reina ein Massaker anrichteten, mindestens 39 Menschen töteten und 69 weitere verletzten. Viele Ausländer sind unter den Toten: Bürger Saudi-Arabiens, Frankreichs, des Libanon, Israels, Marokkos, Indiens, Libyens. Mit einer Großfahndung sucht die türkische Polizei nach flüchtigen Terroristen. Bis zum Sonntagabend vergeblich.

Nur drei Wochen sind vergangen seit dem letzten schweren Anschlag in Istanbul, bei dem eine Splittergruppe der Kurden-Guerilla PKK 44 Menschen am Besiktas-Stadion ermordete. Der Anschlag in der Neujahrsnacht, zu dem sich zunächst niemand bekannte, könnte dagegen eher auf die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) zurückgehen. Während die PKK in der Regel Sicherheitskräfte attackiert, hat der IS vor allem Kurden, Linke und Ausländer in der Türkei zu seinem Ziel erklärt und zu Anschlägen aufgerufen.

Der Ort des Silvesteranschlags liegt auf der europäischen Stadtseite direkt am Bosporus. In der Open-Air-Disco Reina, dem wohl berühmtesten Nachtclub der Türkei, Treffpunkt der Prominenten, Schönen und Reichen, waren laut Medienberichten etwa 700 Menschen zusammengekommen, als sich ein Angreifer gegen 1.15 Uhr Zugang verschaffte, indem er am Eingang – offenbar mit einem automatischen Sturmgewehr – einen Polizisten und einen Zivilisten erschoss.

Die BBC veröffentlichte ein Video, in dem man einen Mann in dunkler Kleidung sieht, der um sich schießend über die Straße läuft und im Club verschwindet. Augenzeugen sagten, es habe sich nicht um einen, sondern um zwei oder noch mehr Täter gehandelt, sie hätten Arabisch gesprochen und Weihnachtsmannkostüme getragen. Das aber wurde von den Behörden dementiert.

„Gerade als wir uns am Eingang hingesetzt hatten, gab es plötzlich Schüsse. Alles war voller Staub und Rauch“, sagte der Profifußballer Sefa Boydas vom Istanbuler Club Beylerbeyi, der Augenzeuge des Angriffs war. Frauen in Cocktailkleidern und Männer mit Papphüten flohen vom Anschlagsort, einige sprangen sogar in den eiskalten Bosporus, um zu entkommen. Polizeiautos und Krankenwagen rasten heran, aber die Polizei habe nicht gewusst, nach wem sie suchen sollte, berichtete Boydas. „Sie verdächtigten uns alle.“

Kampagne gegen „untürkisches“ Feiern

Völlig überraschend kam der Anschlag nicht. US-Geheimdienste hätten ihn eine Woche vor Silvester vor einem solchen Angriff gewarnt, zitierte die Zeitung Hürriyet den Besitzer des Reina, Mehmet Kocarslan. Der Club, der als Schaufenster des westlichen, säkularen Lebensstils gilt, habe deshalb Sicherheitsmaßnahmen ergriffen: Die Polizei sei im Stadtteil rund um die Uhr im Einsatz gewesen. Die Küstenwache habe von See her zusätzlich Wache geschoben. „Trotz all dieser Vorkehrungen ist leider dieses schmerzhafte Ereignis eingetreten“, sagte Kocarslan. „Uns fehlen die Worte.“

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zeigte sich tief erschüttert. Die Nation werde aber die Ruhe bewahren und näher zusammenrücken, erklärte er am Sonntag. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu warf der von der religiös-konservativen AKP geführten Regierung Versagen vor. Es fehle ihr an einer „rationalen, wissenschaftlichen, nachhaltigen und nationalen Anti-Terror-Politik“, schrieb er auf der Website seiner sozialdemokratischen CHP.

In sozialen Netzwerken entspann sich am Sonntag eine heftige Debatte über eine kürzliche Kampagne regierungsnaher Kreise und Zeitungen gegen „untürkische“ Silvesterfeiern und den Weihnachtsmann. Noch am Freitag hatte die staatliche Religionsbehörde Diyanet in allen Moscheen predigen lassen, dass solche Feiern „illegitim“ seien, weil sie „zu anderen Kulturen gehören“. Wurde der Attentäter durch diese Kampagne motiviert? Diese Frage stellen sich viele.

Das Auswärtige Amt riet allen deutschen Reisenden in Istanbul, ihre Hotels oder Unterkünfte vorerst nicht zu verlassen. (mit dpa, AFP)