London - Im Palast von Westminster und in den angrenzenden Parlamentsbüros rufen an diesem Mittwochnachmittag gegen 14.40 Uhr gerade die Glocken zu einer Abstimmung, als sich bedrohliche andere Geräusche ins Geklingel mischen. „Unverkennbar Schüsse“ hört Torcuil Crichton, Parlamentskorrespondent des schottischen Boulevardblatts Daily Record, in seinem Büro. Sein Kollege Paul Waugh von der Huffington Post blickt aus dem Fenster und sieht zwei Männer am Boden liegen.

Es ist Höhepunkt und, wie zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß, auch das Ende eines blutigen Amoklaufes, der an diesem 22. März, dem ersten Jahrestag der Terrorattacken von Brüssel, das Herz der britischen Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzt. Vier Tote und mindestens 20 teils lebensgefährlich Verletzte bilanziert Scotland Yard am Abend. Der für Terrorabwehr zuständige Abteilungsleiter von Scotland Yard, BJ Harrington, spricht von einer „Terrorattacke“. Bis tief in die Nacht hinein patrouillieren Hunderte von Polizisten, viele von ihnen bewaffnet, durch die Innenstadt von London.

Erst kürzlich hatten die Geheimdienste mitgeteilt, sie hätten in den vergangenen anderthalb Jahren rund ein Dutzend möglicher Anschläge vereitelt. Am vergangenen Wochenende übte die Londoner Polizei bei einer spektakulären Anti-Terroraktion einen Einsatz. Dabei ging es um einen simulierten Angriff auf ein Passagierboot auf der Themse. Die Terrorgefahr bleibe akut, die Bevölkerung solle wachsam sein.

Ein Gehsteig voller Menschen

Was aber hilft gegen einen Einzeltäter, der einen Hyundai-Geländewagen zur Waffe macht? Von der Westminster Bridge aus haben Touristen den schönsten Blick aufs britische Parlament, der Gehsteig ist tagsüber fast immer voller Menschen. So auch an diesem Mittwochnachmittag. Der Amokfahrer lenkt am Südende der Brücke sein schweres Gefährt auf den Gehsteig und mäht reihenweise die Passanten um. Unter den Opfern sind französische und rumänische Touristen und drei Polizisten, die von einer Ehrung zu ihrer Wache zurückkehren. Mindestens eine Passantin versucht sich durch einen Sprung in die Themse zu retten, sie wird später verletzt geborgen. Auf dem Asphalt bleiben die Verletzten zurück. Das nahe gelegene St. Thomas-Krankenhaus bestätigt später den Tod einer eingelieferten Frau, mehrere der anderen Verletzten hätten „katastrophale Verletzungen“ erlitten.

Unterdessen hat der Attentäter die Nordseite erreicht und fährt am Parlamentszaun entlang. Plötzlich reißt er das Steuer nach links und setzt sein Gefährt gegen einen Pfeiler. Zu Fuß eilt er weitere 200 Meter am Zaun entlang – bis zu dem Eingang, wo Abgeordnete mit dem Auto auf den Hof des Westminster-Palastes fahren können. Zwar stehen dort Sicherheitsbeamte. Doch dem Täter gelingt es, an ihnen vorbei über eine Sperre zu springen. Mit zwei Messern geht er auf einen Polizisten los, sticht ihn nieder, kommt selbst zu Fall. Er rappelt sich auf, rennt auf den Parlamentshof zu – da strecken ihn mindestens drei Schüsse aus Polizeipistolen nieder.

Krisensitzung in der Downing Street

Es sind die Geräusche, an die sich der Journalist Crichton drei Stunden später im Privatradio Monocle erinnert. „Ich rannte hinunter. Da schwärmten schon bewaffnete Beamte aus und beorderten uns zurück in unsere Büros. Das wirkte wie ein gut geübter Drill.“ Premierministerin Theresa May wird von ihren Bodyguards in die nahe gelegene Downing Street gefahren, wo sie später dann eine Sitzung des Krisenstabes Cobra leitet.

Die zur Abstimmung hastenden Abgeordneten sehen sich plötzlich Polizisten mit Maschinenpistolen gegenüber. Mehrere Volksvertreter, darunter auch sie selbst, seien mit vorgehaltener Waffe in einen Abstimmungsraum gebracht worden, berichtet die Konservative Anna Soubry. Einige versuchen, Opfern zu helfen. Außenstaatssekretär Tobias Ellwood, ein früherer Offizier, beginnt eine Mund-zu-Mund-Beatmung bei einem schwer verletzten Beamten, ehe Sanitäter übernehmen. Doch für das letzte Opfer des Amokläufers kommt jede Hilfe zu spät, auch für den Täter selbst.

Weiträumig sperren die Beamten von Scotland Yard das Gelände rund um den Palast von Westminster ab, der Autoverkehr im Regierungsviertel kommt zum Erliegen, die U-Bahn-Station Westminster wird gesperrt. Touristen müssen stundenlang im Riesenrad London Eye ausharren, das aus Sicherheitsgründen angehalten wird.

Im Plenarsaal hat unterdessen Vize-Speaker Lindsay Hoyle die Debatte unterbrochen. „Wir folgen damit dem Rat der Sicherheitsbehörden“, sagt der für die Gesetzgebung zuständige Minister David Lidington den Abgeordneten. Stundenlang bleiben diese zusammen, bis sich die Polizei ganz sicher ist: Es handelte sich um einen Einzeltäter. Augenzeugen beschreiben ihn gegenüber dem TV-Sender Sky als Mann asiatischer Herkunft im Alter zwischen 30 und 40 Jahren.

Noch am Abend beginnt unter Experten ein Streit darüber, ob die Kennzeichnung des Mordanschlags als „Terrorattacke“ gerechtfertigt sei. Die vorschnelle Etikettierung durch Scotland Yard sei ein Skandal, befindet Phil Clark, Professor für internationale Politik an der Londoner SOAS-Universität, und zieht einen Vergleich zum Mordanschlag auf die Labour-Abgeordnete Joanne Cox im Juni vergangenen Jahres. Damals hatten die Behörden auf dem Höhepunkt des Kampfes um das Brexit-Referendum wochenlang gezögert, den rechtsextremen Mörder als Terroristen zu bezeichnen.