Viertel vor drei am Freitag voriger Woche. Drottninggatan, die Pulsader der Stockholmer Innenstadt, war voller Touristen und voller bummelnder Stockholmer. Die 500 Meter lange Fußgängerzone ist dem Berliner Kurfürstendamm nicht ganz unähnlich in ihrer Bedeutung als Fixpunkt des Stadtzentrums, den alle ansteuern. 

Dann kaperte ein maskierter Mann einen Lastwagen. In einer  Terrorfahrt steuerte er das Fahrzeug durch die überfüllte Straße, überfuhr Menschen, rammte den Eingang des Kaufhauses Åhléns und verschwand in der U-Bahn. Vier Menschen starben, 15 wurden verletzt.

Alles ging unwahrscheinlich schnell. Aber im Chaos von Blut und verstümmelten Körpern waren von Anfang an Ruhe und Menschlichkeit. Von einem Augenblick auf den nächsten verwandelten sie Vorbeigehende in Retter, die auf dem Pflaster knieten und den Opfern die Hände hielten.

Ich  saß an meinem Schreibtisch in der Redaktion, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Dann spürte ich die Hand meines Chefs auf der Schulter: „Kannst du rausgehen?“ Zwei Wochen zuvor war ich in London gewesen und hatte über den Anschlag vor  Westminster  berichtet. Auch  über die Folgen des Attentats vom Breitscheidplatz am 19. Dezember hatte ich geschrieben. Jetzt war der Terror in meine Stadt gekommen, vor meine Tür.

Ein Strom von Menschen lief an der Redaktion vorbei, raus aus der Innenstadt. Sie waren alle ganz still.  Ich lief ihnen  entgegen. Der mutmaßliche Täter wurde fünf Stunden später gefasst. Busse und Züge stellten den Betrieb ein. Tausende Menschen waren gestrandet im Zentrum. Es hätte genau das Chaos entstehen können, das der Attentäter verursachen wollte. Aber es passierte etwas anderes.

Die Stockholmer kümmerten sich umeinander. Der Hashtag #openstockholm überschwemmte die sozialen Netzwerke. Viele luden Fremde zum Essen ein, boten ihnen ein Bett für die Nacht an. Sie öffneten ihre Wohnungen. Und sie öffneten ihre Herzen.

Blumen für die Polizei

Frida Sundkvist, Reporterin in meiner Redaktion, fotografierte einen schwer bewaffneten Polizisten, der eine  alte Dame mit Gehstock über die Straße führte, ein Bild, das um die ganze Welt ging. „Wenn man stark ist, muss man freundlich sein“, sagte der Polizist später in einem Interview, das er widerwillig gab.

Am Sonnabend begannen die Menschen, die Polizei mit Liebesbekundungen zu überhäufen – buchstäblich. Sie bedeckten mehrere Streifenwagen, die in der Innenstadt abgestellt waren, mit Blumen. Kinder liefen mit Sträußen zu großen uniformierten Männern mit kräftigen Kinnladen, die solche Behandlung sichtlich nicht gewohnt waren.

Am Sonntag versammelten sich Zehntausende Menschen zum Gedenken am Sergels Torg, Stockholms zentralem Platz,  ein paar Hundert Meter von dem Kaufhaus entfernt, das der Attentäter gerammt hatte. Politische Gegner standen Arm in Arm. Menschen weinten.

Auf eine Weise war Schweden vorbereitet auf einen Anschlag – nach Nizza, Berlin und London. Gleichzeitig waren wir verschont geblieben – und darum vielleicht weniger verhärtet und bereit für die Botschaft der Manifestation am Sergels Torg: Wir lassen niemals zu, dass uns das Böse besiegt oder unser Leben verändert.

Kein Vergleich zu London

Nach dem Terroranschlag in London war es anders. Er wurde zu einer Weltnachricht und erschütterte viele Menschen zutiefst. Aber außerhalb der Absperrungen ging das Leben im Prinzip unverändert weiter. Das   Gedenken  am Trafalgar Square war viel kleiner als das in Stockholm – und weniger emotional. Vielleicht sind die Engländer einfach abgehärtet nach langen Jahren des IRA-Terrors und den Bombenanschlägen  von 2005.

Die Ähnlichkeiten mit Berlin sind jedenfalls größer.  Da ist friedvolle Trauer,  mit der die Städte die Anschläge zu verarbeiten versuchten. Aber auch zwischen den Taten gibt es Parallelen – neben der offensichtlichen Ähnlichkeit, wie die Anschläge ausgeführt wurden. Beide Täter waren abgelehnte Asylbewerber. Und beide hatten sich offensichtlich radikalisiert.

Deutschland und Schweden haben   einen großen Anteil der Flüchtlinge in Europa aufgenommen. Das macht die Situation explosiv. Rechtsextreme Kreise haben nur auf eine solche Tat gewartet, um Immigranten – die in vielen Fällen vor dem sogenannten Islamischen Staat geflohen sind – mit Terroristen gleichzustellen.

Auf dem Heimweg von der Schule

Gleichzeitig hat die nächste Debatte begonnen. Die über islamistische Extremisten – in allen politischen Lagern werden Stimmen laut, die schwedische Regierung sei nicht entschieden genug vorgegangen. Wir können uns wie in Deutschland auf mehr Einsätze gegen IS-Anhänger einstellen, was natürlich gut ist. Und es wird Gesetzesverschärfungen geben, was zu Einschränkungen der Bürgerrechte führen kann.

Aber erst in den nächsten Wochen werden diese Debatten  an Intensität gewinnen. Noch liegen die Blumen am Sergels Torg, die Tausenden handgeschriebenen Zettel mit Liebesbotschaften. Und noch steht die Trauer um die Opfer im Mittelpunkt. Unter den Toten war ein elfjähriges Mädchen auf dem Heimweg aus der Schule. Zwei Tage lang suchten ihre Eltern sie, ohne Erfolg. Dann rief das Krankenhaus an.

Übersetzung: Frederik Bombosch