Der französische Regierungschef Manuel Valls hatte schon auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar dieses Jahres vor einem „Hyperterrorismus“ gewarnt, den der IS nach Europa tragen werde. „Wir befinden uns in einem Krieg“, warnte Valls, „und es wird weitere große Anschläge geben.“ Gut fünf Wochen später detonierten am Flughafen und in einer Metrostation von Brüssel Bomben, sie töteten 35 Menschen. Kurz darauf bekannte sich der IS zu den Anschlägen und kündigte weitere Terrorakte an. „Wir versprechen den Kreuzzügler-Staaten, welche sich gegen den Staat des Islams verbündet haben, schwarze Tage“, hieß es in der via Internet verbreiteten Erklärung.

Die großen IS-Anschläge von Brüssel, Istanbul, Paris und Nizza zeigen, dass die Terrormiliz eine zweite Front eröffnet hat. Indem sie ihren Krieg gegen die Ungläubigen in die Städte des Westens trägt, kann sie dort die für die eigene Moral so dringend benötigten Erfolge erzielen, die ihr an der Heimatfront versagt bleiben. Denn in seinem Kerngebiet im Irak und in Syrien hat die IS stark an Boden verloren. Über 10.000 Kämpfer sollen nach US-Angaben getötet worden sein, darunter auch führende IS-Aktivisten.

Der IS ist in die Defensive geraten. „Die Terrorgruppe steht unter Druck und braucht spektakuläre Aktionen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Macht zu demonstrieren“, hatte Anfang des Jahres auch der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, vorausgesagt.

Was deutsche Sicherheitsexperten aber nur hinter vorgehaltener Hand hinzufügen: Die Behörden haben diese Entwicklung verschlafen. Zu lange hat man hierzulande an der Einschätzung festgehalten, dass nach wie vor Al-Kaida der gefährlichere Gegner sei und der IS sich auf seine regionale Eroberungszüge im Nahen und Mittleren Osten beschränken werde. Der Terrorexperte Peter Neumann hingegen verwies wiederholt darauf, dass der IS bereits im Januar 2015 in Syrien Teams zusammengestellt habe, die dann mit Kampfauftrag zurück nach Europa geschickt wurden und jetzt relativ komplexe Operationen mit hoher Planungskompetenz im Ausland organisieren. „Im Vergleich zu Al-Kaida, wo wir vor zehn Jahren vielleicht 200 Kämpfer hatten, reden wir heute von einem menschlichen Potenzial, das vierstellig ist“, sagte Neumann, der als Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College lehrt.

Tatsächlich ist es den – oftmals als syrische Flüchtlinge getarnten – IS-Heimkehrern gelungen, von Sicherheitsbehörden lange Zeit unbeobachtet ein Netzwerk aus Schläferzellen und Unterstützern aufzubauen. Die Anschläge von Paris und Brüssel haben gezeigt, wozu eine solche Infrastruktur fähig ist. Sie verdeutlichen zudem, dass es in diesem Netzwerk einen neuen Tätertypus gibt. Viele der Terroristen entstammen dem kleinkriminellen Milieu, waren Diebe, Betrüger und Drogendealer in ihrer Stadt, bevor sie sich fanatisierten. Für das Vorgehen einer Terrorzelle erweist sich das als Vorteil – die Täter sind geschult darin, ihr Verhalten und ihre Kommunikation zu tarnen, sie kommen leicht an Waffen und falsche Papiere heran, und sie verfügen über ein weit gespanntes Helfernetz in der kriminellen Szene, das ihnen beim Untertauchen hilft.

„Diese Verbindung mit der kriminellen Welt gab es bei Osama Bin Laden nicht“, sagte Mohamed-Mahmoud Ould Mohamedou vom Zentrum für Sicherheitspolitik in Genf. Bei Al-Kaida habe der Terrorismus noch auf fundamentalistischen Überzeugungen beruht. Die IS-Attentäter von heute hingegen seien ideologisch und religiös lange nicht so gefestigt – aber darum nicht minder entschlossen.