Tel Aviv - An einem sonnigen Novembertag in Tel Aviv steht Hubertus Andrä in einer fensterlosen Halle und lernt, wie moderne Videoüberwachung funktioniert. Andrä ist der Polizeipräsident von München, ein großer, blasser Mann mit einem Hefter in der Hand, auf dem steht: „Dienstreise nach Israel, Internationale Konferenz Homeland- und Cybersecurity“.

Neben ihm steht ein junger Mann, der beim Start-up Briefcam arbeitet, sich als Florian vorstellt und jetzt auf einem Bildschirm demonstriert, was Briefcam kann. Eine Straßenszene ist zu sehen: Häuser, Fußgänger, Radfahrer, Autos. Ein Mann wird gesucht. Die Polizei weiß, dass er eine rote Jacke trägt. Florian klickt mit der Maus auf ein Feld, und auf einen Schlag reduziert sich die Menge der Personen von 3000 auf 204. So viele tragen eine rote Jacke.

Was wissen wir noch?, fragt Florian. Kam der Mann mit dem Rad oder mit dem Auto? Trug er ein Baseballcap? Oder eine Tasche? Immer weiter lasse sich die Suche eingrenzen, erklärt er, bis der Gesuchte gefunden sei. Wofür ein Mensch Stunden oder Tage brauche, das schaffe der Computer in wenigen Minuten.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Hubertus Andrä lächelt fasziniert. Wenn er und seine Kollegen in München einen Täter suchen, sieht das ein bisschen anders aus. Dann sitzt ein Beamter vor dem Fernseher, sieht sich das Überwachungsvideo in voller Länge an, in der Hoffnung, dass der Gesuchte irgendwann auftaucht und dem Kollegen nicht ausgerechnet in dem Moment die Augen zufallen. „Ein irrsinniger Aufwand“, sagt Andrä.

Florian von Briefcam sagt, seine Software sei nicht nur in der Terror- und Kriminalitätsbekämpfung einzusetzen, sondern auch in Stadtverwaltungen, für Verkehrslenkung etwa, bei der Einrichtung von Radspuren. Briefcam arbeite bereits mit elf deutschen Städten zusammen, auch München gehöre dazu. München? Der Polizeichef wackelt mit dem Kopf. Davon weiß er nichts. Vielleicht als Test, sagt er, lässt sich eine Visitenkarte geben und geht weiter zum nächsten Stand.

In Deutschland höchstumstritten

Es ist Hubertus Andräs erster Tag auf der Homeland- und Cybersecurity-Messe in Tel Aviv, die Halle ist groß, Stand neben Stand, überall werden Produkte angeboten, die das Herz eines Polizeipräsidenten höher schlagen lassen: Software zur Abwehr von Computerviren, neueste Methoden zur Gesichtserkennung, mobile Straßensperren, die tonnenschwere Trucks zum Anhalten zwingen.

Junge, energetische Firmengründer führen den Besuchern vor, wie leicht man heutzutage Computer hacken kann und wie wichtig es ist, sich mit den richtigen Produkten davor zu schützen. Viele von ihnen haben beim israelischen Militär in Eliteeinheiten gedient. Israel ist nach den USA der zweitgrößte Hersteller von Produkten für Cybersicherheit.

Die deutsche Delegation bewegt sich von Stand zu Stand, zwölf Männer in Anzügen, die meisten kommen aus der Wirtschaft und sind überzeugt davon, hier viel Nützliches lernen zu können. Sie wissen aber auch, wie schwer es ist, die israelischen Technologien in Deutschland zum Einsatz zu bringen. Der Datenschutz ist zu Hause viel strenger, Technologien wie die zur Gesichtserkennung sind höchstumstritten.

Moshe Satanovsky, Unternehmensberater aus Stuttgart, spricht von „Kulturunterschieden“. „Israel“, sagt er, „plant von heute auf morgen, in Deutschland dauert alles Jahre.“

Ein bisschen bockig und altmodisch

„Die Israelis nutzen Psychologie in ihrer Arbeit, bei den Deutschen ist die Technik das Wichtigste“, sagt Holger Morgenstern, Professor der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Er hat den ersten Lehrstuhl für digitale Forensik in Deutschland gegründet und ist das sechste Mal in Israel. Am Rande der Konferenz trifft er sich mit einer israelischen Psychologieprofessorin, um sich Rat zu holen, wie man die strengen deutschen Maßstäbe zum Datenschutz und zur Privatsphäre mit den neuen Technologien in Einklang bringen kann.

Ein israelisches Produkt könne in Deutschland nie eins zu eins eingesetzt werden, sagt er. Vor Gericht zum Beispiel reiche in den USA und Israel der Computerbeweis – in Deutschland müsse der Polizist erklären, wie er den Täter durch Videoüberwachung identifizieren konnte. „Grundsatz der freien Beweiswürdigung“ nenne sich das, sagt Morgenstern. Man weiß nicht genau, ob er das gut findet oder nicht.

Deutschland, hat man hier auf der Cyber-Messe in Tel Aviv den Eindruck, erinnert an ein schwieriges Kind, eins, das nur langsam lernt, ein bisschen bockig und altmodisch ist, bei dem man aber die Hoffnung noch nicht aufgeben sollte.

Falsche Bärte und Perücken

Die Delegation ist jetzt am Stand von AnyVision angekommen, jener Firma, die vor einem Jahr ihre Videotechnik für ein Experiment zur Personenerkennung am Berliner Südkreuz zur Verfügung gestellt und vor wenigen Wochen mit Bosch einen 28-Millionen-Dollar-Deal abgeschlossen hat. „Haben Sie schon die AnyVision-Challenge ausprobiert?“, ruft Adi Cooper, ein Mann im weißen Hemd, und versammelt die Gruppe um einen Bildschirm, um vorzuführen, wie leicht es ist, jeden einzelnen zu identifizieren, egal, ob er von der Seite oder von vorne zu sehen ist, hinten in der Ecke steht oder in der ersten Reihe.

Vor ein paar Jahren noch wäre das unmöglich gewesen, aber die Technologien werden immer besser, die Trefferquoten höher. An einem Haken hängen Perücken, Mützen und Bärte, mit denen man sich wie beim Fasching verkleiden kann, und natürlich meistert der Computer auch diese Herausforderung. Die Deutschen sind beeindruckt. Zum Abschied sagt Adi Cooper, dass nächste Woche ein neuer Angestellter bei ihnen anfange. Ein Deutscher namens Wolfgang.