BerlinDer Berliner Terrorexperte Berndt Georg Thamm hat davor gewarnt, die Gefahr durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu unterschätzen. Der Täter von Wien war IS-Sympathisant. Ebenso der 18-Jährige, der in Frankreich den Lehrer enthauptete und jener Täter, der in Dresden die tödliche Messerattacke auf zwei homosexuelle Männer verübte. Dass der IS sich selbst nicht zu den Taten bekannte, heiße aber nicht, dass der IS geschwächt sei, sagte Thamm der Berliner Zeitung. „Der IS ist zur Dauerbedrohung geworden.“ Davon zeugten schwere Anschläge in Afghanistan und in anderen Regionen.

„Die Methoden zur Anschlagsbegehung wie Messerattacken und Enthauptungen haben sie ins Netz gestellt“, so Thamm. „Die Saat des IS ist aufgegangen. Es entstand eine eigenständige Terrorbewegung.“ Nach Thamms Überzeugung ist die Situation für Terroristen derzeit vorteilhaft. Denn das Augenmerk von Ländern und Polizei liege auf der Bewältigung der Corona-Pandemie, die Kräfte binde. „Das trifft übrigens auch für den Bereich der transnationalen organisierten Kriminalität zu“, so Thamm.

Der Terroranschlag schreckte auch die Sicherheitsbehörden in der Bundesrepublik auf. Denn in Deutschland wird die Gefahr islamistischer Anschläge schon seit längerem als „abstrakt hoch“ bezeichnet. Nach der Enthauptung eines Lehrers in einem Pariser Vorort und den islamistischen Morden an drei Menschen in Nizza ist nach Einschätzung der Behörden die Gefahr islamistischer Anschläge gestiegen. „Ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für Berlin gibt es nach den Vorkommnissen in Wien nach aktuellem Stand nicht“, sagte jedoch Polizeisprecherin Anja Dierschke. Zu diesem Schluss waren das BKA, das Landeskriminalamt und der Verfassungsschutz gekommen, die sich regelmäßig über die Lage austauschen.

Dem Verfassungsschutz sind in Deutschland mehr als 12.000 Salafisten bekannt. In Berlin leben 1.140, von denen 470 als gewaltorientiert gelten. In seinem aktuellen Bericht schränkt der Verfassungsschutz des Landes Berlin ein, dass das Personenpotential terroristischer Netzwerke schwer zu fassen sei. Transnationale terroristische Netzwerke, zu denen auch „al-Kaida“, der „Islamische Staat“ und die „Islamistische nordkaukasische Szene“ zählen, seien zumeist dezentral organisiert und agierten hauptsächlich im Verborgenen.