Herr Steinberg, welche Schlüsse ziehen Sie aus den Anschlägen von Paris?

Guido Steinberg: Es ist nach der Erklärung von Francois Hollande und dem Bekennerschreiben sehr wahrscheinlich, dass es sich um den IS handelt. Wir könnten es aber auch mit IS-Anhängern ohne eine engere Anbindung an den IS im Irak und in Syrien zu tun haben. Für eine organisatorische Anbindung spricht der Stil, vor dem die Sicherheitsbehörden seit Jahren warnen, also dieser Mumbay-Stil.

Gleichzeitige Anschläge an mehreren Orten.

Ja, vor allem ein Feuerüberfall auf Zivilisten mit versuchter Geiselnahme. Außerdem muss man wie in Paris in der Lage sein, Sprengstoffe zu besorgen und Sprengstoffwesten herzustellen. Das lernt man in der Regel nur bei großen Organisationen wie dem IS oder Al Kaida.

Hat man die Anschläge in Frankreich kommen sehen? Hat sich da zuletzt etwas angedeutet?

Guido Steinberg: Die Gefährdungslage in Europa ist bekannt seit dem Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel. Allerdings war es hier eine größere Gruppe und kein Einzeltäter, und dann auch nicht nur zwei oder drei, sondern acht Mann. Dafür braucht man eine größere Struktur. Insofern haben wir es da schon mit etwas Größerem zu tun. Das hat man so nicht kommen sehen. Dass es Frankreich werden könnte, wussten wir aufgrund der Zahl der Anschläge dort und weil die Franzosen ihren Kampf gegen den IS in den letzten Monaten intensiviert haben. Ich vermute, die Anschläge sind eine Reaktion des IS darauf.

Nun sagten Sie mir zu Jahresbeginn nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo, die Sicherheitsbehörden in Frankreich seien stärker als die deutschen. Dennoch hat es jetzt wieder Anschläge gegeben. Ist das einfach nicht zu verhindern?

Guido Steinberg: Selbstverständlich kann man solche Anschläge wie den von gestern verhindern, wenn man die dschihadistische Szene im Inland sehr stark mit V-Leuten durchdrungen hat. Das ist aber ungeheuer schwer, weil es ideologisch motivierte Täter sind. Da tun sich Sicherheitsbehörden immer schwer. Im Übrigen wird man Dinge wie diese Sprengstoffwesten nicht in Frankreich kriegen. Das sind also Leute, die reisen. Man kann da niemandem einen Vorwurf machen. Wenn die Täter erstmal unterwegs sind in so einer großen Stadt und gezielt Zivilisten angreifen, dann ist die Chance, das noch zu verhindern, sehr gering.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, ob die Fußball-EM in Frankreich gefährdet ist, und ob Guido Steinberg Deutschlands Sicherheit einschätzt.

+Umbr

Sehen Sie Bezüge zu Deutschland oder Konsequenzen für Deutschland?

Guido Steinberg: Wenn man es als Europäer betrachtet, dann ist das ein Anschlag auf die Europäer und damit auch auf uns. Und gerade aus einer westdeutschen Perspektive sind ja Paris und Brüssel sehr nahe Orte. Allerdings sind die Franzosen aggressiver im Kampf gegen den IS und Al Kaida. Insofern sind sie ein wichtigeres Ziel für Terrororganisationen als Deutschland. Zudem haben sie noch eine sehr starke einheimische Dschihadisten-Szene. Das hat damit zu tun, dass im IS überproportional viele Nordafrikaner vertreten sind, vor allem Marokkaner und Tunesier. Davon haben die Franzosen viele.

Man kann aber nicht ausschließen, dass das, was in Frankreich passiert ist, in Deutschland bevorsteht?

Guido Steinberg: Nein, natürlich nicht. Es wird in Deutschland ganz sicher Planungen geben. Aber wir haben in Deutschland eine schwächere Dschihadisten-Szene – bei gleichzeitig etwas weniger effektiven Nachrichtendiensten. Ich gehe fest davon aus, dass es auch hier in Deutschland zu Planungen kommt. Ob die erfolgreich sind, kann man wirklich nicht sagen.
In Bayern ist vor ein paar Tagen ein Mann aus Montenegro verhaftet worden, der unterwegs war nach Paris und viele Waffen dabei hatte. Glauben Sie, dass es da einen Zusammenhang gibt?
Das weiß ich nicht. Es dürfte uns aber nicht verwundern, wenn Waffen aus dem ehemaligen Ostblock bei solchen Anschlägen verwandt werden.

#article
Ist die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich gefährdet?

Guido Steinberg: Nein. Man kann solche Massenveranstaltungen durchaus schützen. Allerdings wird die Fußball-Europameisterschaft unter sehr viel drastischeren Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, als wir das bisher kennen. Ansonsten wäre das auch nicht zu verantworten. Denn man muss damit rechnen, dass die Europameisterschaft ein ganz wichtiges Ziel für Dschihadisten sein wird.
Ist die Tatsache, dass im Stadion selbst nichts passiert ist, ein Hinweis darauf, dass die Täter es nicht vermochten?

Guido Steinberg: Ich denke, dass sie sehr gerne in den Innenraum gelangt wären, weil das die Öffentlichkeitswirkung, die ja ohnehin enorm war, noch einmal verstärkt hätte. Das war ja auch nicht irgendein Fußballspiel. Sondern da hat der Weltmeister gegen den Ausrichter der nächsten Europameisterschaft gespielt. Der DFB reagiert ja auch bereits. Er lässt offen, ob das Spiel gegen die Niederlande stattfindet.

Das Gespräch führte Markus Decker