Terrorzelle in Katalonien: Der Weg des Imams Abdelbaki Es Satty

Die meisten Mitglieder der Terrorzelle, die 15 Menschen in Barcelona und Cambrils ermordete, waren junge Marokkaner, die seit langem in der katalanischen Kleinstadt Ripoll lebten, die dort aufgewachsen waren und eigentlich keinen Ärger machten. „Diese Jungen waren Jungen wie alle. Sie waren wie meine Kinder, Söhne von Ripoll“, schrieb eine Sozialarbeiterin des Orts. Dass sie schließlich als mordende Terroristen enden würden, sahen weder die Angehörigen noch die Bekannten, noch die Behörden voraus.

Eine Figur aber ragt aus dieser Gruppe heraus: Abdelbaki Es Satty, der Imam, der mutmaßliche Kopf, der die jüngeren Mitglieder der Zelle zum Terror verführt haben soll. Der ihnen „das Gehirn gewaschen“ hat, wie sie in Ripoll sagen. Und Es Satty war kein unbeschriebenes Blatt. Aber niemandem fiel das auf. Erst, als schon alles zu spät war.

Es Satty kam vor 45 Jahren im Norden Marokkos zur Welt, laut El Mundo im Dorf Bab Taza, 120 Kilometer südlich der spanischen Exklave Ceuta. Dort sollen El Sattys Frau und neun gemeinsame Kinder leben. El Satty aber ging 2002 nach Spanien. Er zog offenbar nach Vilanova i la Geltrú, 50 Kilometer westlich von Barcelona. Dort tauchte sein Name erstmals in polizeilichen Ermittlungsakten auf.

Im Januar 2006, keine zwei Jahre nach den Madrider Attentaten vom 11. März 2004, bei denen 191 Menschen starben, nahm die Polizei in dem Ort gut ein Dutzend Männer fest, die sie verdächtigte, militante Kämpfer für den Dschihad zu rekrutieren. Der Nationale Gerichtshof verurteilte 2010 fünf der Männer zu Haftstrafen zwischen fünf und neun Jahren; die Urteile wurden später vom Obersten Gerichtshof wieder aufgehoben. Es Satty hatte mit dieser Gruppe am Rande zu tun: Man fand Ausweiskopien von ihm in der Wohnung eines der Hauptverdächtigen. Er selbst wurde nicht verdächtigt.

Keiner fragt nach seinem Vorleben

Am Dienstag beklagten die Gewerkschaften der Guardia Civil und der Nationalpolizei in einer gemeinsamen Erklärung die mangelnde Zusammenarbeit zwischen spanischer und katalanischer Polizei. das habe etwa dazu geführt, dass die Katalanen nicht gewusst hätten, dass Es Satty „ein Anhänger eines der Hauptverdächtigen“ in Vilanova i la Geltrú gewesen sei.

Nach 2006 machte Es Satty nicht als Islamist von sich reden. Am 1. Januar 2010 wird er festgenommen und später zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er Haschisch von Ceuta aufs spanische Festland geschmuggelt hatte. Im Gefängnis lernt er einen der Unterstützer der Madrider Attentate von 2004 kennen. Im April 2014 kommt Es Satty auf freien Fuß. Die Regierung will ihn ausweisen, doch ein Verwaltungsrichter kommt zum Schluss, dass von Es Satty keine Gefahr ausgehe. Er geht nach Ripoll, wo er sich als Imam anbietet. Man nimmt ihn. Keiner fragt nach seinem Vorleben.

Im Januar 2016 reist Es Satty ins belgische Vilvoorde, einen Vorort von Brüssel, der beherzt gegen die Radikalisierung junger Moslems kämpft. Es Satty bietet sich im Nachbarort Diegem als Imam an, wird aber abgelehnt, weil er sich weigert, ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Der Bürgermeister von Vilvoorde, Hans Bonte, berichtet, dass die lokale Polizei von der spanischen Polizei die Auskunft erhalten habe, dass gegen Es Satty nichts vorliege. Weil er trotzdem keine Anstellung bekommt, kehrt er nach Ripoll zurück, wo er beginnt, junge Männer für den Heiligen Krieg zu gewinnen.

Drei Mal war Es Satty auffällig geworden: als Bekannter, vielleicht sogar Anhänger eines mutmaßlichen Dschihadisten, als Drogenhändler, als Imam-Bewerber in Belgien. Es reichte nicht, um ihn als potenziellen Gefährder zu erkennen.

„Da läuft etwas schief“, sagt Juan Fernández von der Gewerkschaft UAGC der Berliner Zeitung. Vor allem ein Satz in der Erklärung der Polizeigewerkschaften hat Staub aufgewirbelt: dass spanische Nationalpolizei und Guardia Civil „an den Rand gedrängt“ worden seien mit dem einzigen Ziel, „das Bild eines selbstgenügsamen katalanischen Staates“ zu vermitteln – eine Anspielung auf den von der Regionalregierung betriebenen Unabhängigkeitsprozess. Im Gespräch allerdings lobt Juan Fernández die gute Arbeit der katalanischen Kollegen. Das Hauptproblem sei: Nationale und regionale Polizeien griffen nicht auf eine gemeinsame Datenbank zurück. „Wir müssen unsere Fehler korrigieren. Damit sie sich bei einem möglichen nächsten Mal nicht wiederholen.“