BerlinEs war endlich eine gute Nachricht in der Krisenzeit: Am vergangenen Montag wurde bekannt, dass ein Corona-Impfstoff offenbar kurz vor seiner Zulassung steht, er soll als Erstes alten und chronisch kranken Menschen zugutekommen. Für die Pflege- und Altenheime, in denen besonders viele potenzielle Risikopatienten leben, könnte das eine langersehnte Entlastung bedeuten.

Doch dort gibt es derzeit andere Prioritäten. „Im Augenblick sind die Heime voll damit beschäftigt, die geforderten Hygiene- und Test-Anforderungen auszuarbeiten und umzusetzen“, sagt Heike Prestin, Referatsleiterin Altenhilfe, Pflege, Hospiz bei der Diakonie. Zusätzlich zu der ohnehin immensen Arbeitsbelastung bringe das die Pflegekräfte an ihre Belastungsgrenze – und darüber hinaus. „Es ist kein Geheimnis, dass die Personaldecke in der Pflege schon vor Corona sehr knapp war“, sagt Prestin. „Die Pandemie hat die Lage noch einmal dramatisch verschärft.“ In manchen Einrichtungen fehle ein Drittel der Angestellten, weil diese sich in Quarantäne begeben mussten oder selbst infiziert seien. Bisher habe es irgendwie funktioniert – was auch am Berufsethos liege. „Es ist typisch für diese Berufsgruppe, dass man dort sagt: ‚Wir schaffen es schon irgendwie!‘ Aber irgendwann stößt das System einfach an seine Grenzen.“

Nach der überarbeiteten Corona-Testverordnung, die am 15. Oktober in Kraft getreten ist, sollen Pflegeeinrichtungen sogenannte Antigen-Schnelltests, bei denen das Ergebnis schon nach Minuten vorliegt, in großem Umfang nutzen können, um Bewohner, Personal und Besucher auf das Virus zu testen. So soll verhindert werden, dass Alten- und Pflegeheime wie im ersten Lockdown im Frühjahr weitgehend für Besucher geschlossen werden. Stationären Pflegeeinrichtungen stehen bis zu 20 Tests pro Monat pro Bewohner zu. Die Kosten sollen erstattet werden, um die Beschaffung und die Durchführung der Tests müssen sich die Heime selbst kümmern.

Hinzu kommt: Die zurzeit auf dem Markt befindlichen Antigen-Schnelltests müssen von medizinisch geschultem Personal durchgeführt werden. Grundsätzlich sind die Pflegefachkräfte in den Einrichtungen dafür qualifiziert. „Aber sie fehlen dann natürlich woanders“, sagt Swantje Kersten, Vorsitzende des DBfK Nordost und Fachreferentin für Pflege beim Caritasverband für das Erzbistum Berlin. Die Testungen bräuchten Zeit und müssten in extra dafür ausgerichteten Räumen stattfinden. „In kurzer Zeit ganz viele Tests durchzuführen, so wie sich das einige Leute vorstellen – das geht nicht“, sagt Kersten.

Um die Menschen in den Pflegeheimen zu schützen und zur gleichen Zeit die Pflegekräfte zu entlasten, habe die Bundesregierung den Schutzschirm für die Pflegeheime verlängert, sagt Heike Baehrens, Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. Zusätzlich müsse man daran arbeiten, die Pflege zukunftsfest zu gestalten. „Durch bessere Arbeitsbedingungen, flächendeckende tarifliche Bezahlung und Begrenzung der Eigenanteile.“ Der sogenannte Pflege-Rettungsschirm soll sicherstellen, dass Mehrkosten für Schutzausrüstung oder Personal voll von der Pflegeversicherung übernommen werden.

Doch das zusätzlich benötigte Personal steht an vielen Stellen derzeit schlicht nicht zur Verfügung. Einer Anfang des Jahres vorgestellten Studie der Universität Bremen zufolge fehlen in Pflege- und Altenheimen rund 100.000 Pflegekräfte. Die Politik hat darauf reagiert; der Entwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für ein Pflegeverbesserungsgesetz sieht 20.000 neue Assistenzstellen in der Altenpflege vor. Die  Pflegereform 2021 sieht außerdem unter anderem vor, Pflegekräfte besser zu bezahlen. Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Alten- und Pflegepolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, bezeichnete die Situation in den stationären Pflegeeinrichtungen gegenüber der Berliner Zeitung als brisant. Das Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministers gehe in die richtige Richtung, wenn auch nicht immer weit genug.

In der aktuellen Krisenlage hilft all das den Pflegeheimen kaum. „Das Problem ist, dass sich die Lage in der Praxis schneller verschlechtert, als die Gesetzgebung reagiert“, sagt Heike Prestin. „Von einer echten Reform sind wir noch weit entfernt.“ Prestin glaubt dennoch, dass in der Krise auch eine Chance liegt. „Die prekäre Situation in der Pflegebranche ist lange bekannt. Durch Corona ist sie in den Fokus gerückt.“