Mit Charme und Sex-Appeal überstrahlt Susan Sarandon jede noch so junge Hollywood-Aktrice. Sarandon ist eine seltene Mischung aus Charakterdarstellerin und glamourösem Star. Und sie ist politisch aktiv. Als verantwortungsbewusste US-Bürgerin und Mutter von drei Kindern mischt sie sich ein: Sie unterstützt Amnesty International, kämpft für Menschenrechte, für die Akzeptanz von Schwulen und Lesben und gegen Rassismus. „Wir müssen wieder viel mehr Filme machen, die uns vom wirklichen Leben erzählen“, sagt sie mit ihrer rauchigen Stimme. Interessant, dass ihr aktueller Film das nun aber überhaupt nicht tut.

Wie passt die harmlose Hochzeits-Komödie „The Big Wedding“ zu Ihren Klassikern wie „Pretty Baby“, „Atlantic City“, „Lorenzos Öl“ oder „Dead Man Walking“?

Leider kann man nicht immer nur außergewöhnliche Filme machen. Vor allem, wenn man sich dazu entschlossen hat, seinen Lebensunterhalt als Schauspieler zu verdienen. Als ich Anfang der Siebzigerjahre anfing, profitierte ich natürlich sehr vom sogenannten New Hollywood – also von einer Strömung im amerikanischen Kino, in der Autoren und Regisseure durchaus gesellschaftskritische Filme machen durften. Viele von ihnen – denken wir nur an Robert Altman, Peter Bogdanovich, John Cassavetes oder auch Francis Ford Coppola – haben dabei viel riskiert und traditionelle Wege verlassen. Das war unheimlich inspirierend. Aber es ist schon lange her.

Was erzählt uns also „The Big Wedding“ vom wirklichen Leben?

Was man bei einer Hochzeitsfeier alles nicht machen sollte! Es gab schon einige Gründe, warum ich bei diesem Film mitmachen wollte. Er wurde in der Nähe von New York gedreht – also quasi vor meiner Haustür. Dann stand ich noch nie mit Diane Keaton und Robert De Niro gemeinsam vor der Kamera. Und ich hatte ganz sicher noch nicht diese ganz besondere Küchen-Erfahrung.

Sie sprechen von der Cunnilingus-Szene mit Robert De Niro?

Richtig! Einen Film, bei dem ich „Küche“, „Robert De Niro“ und „Cunnilingus“ in einem Satz sagen kann, den wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Sie gehören zu den wenigen Hollywoodstars, die sich nie scheuen, im Film auch mal nackt sein.

Ich konnte mit dieser lebenslustfeindlichen Prüderie noch nie etwas anfangen, sei es vor oder abseits der Kamera. Das heißt allerdings nicht, dass ich mir bei jeder Gelegenheit die Kleider vom Leib reiße – im Gegenteil: Es muss schon einen dramaturgischen Sinn haben. Bei „The Big Wedding“ wird vieles nur angedeutet. Alles andere würde so einen Familien-Film ja auch aus der Balance kippen. Ja, auch in Punkto Sex war das New-Hollywood-Kino natürlich viel innovativer und entspannter.

War das amerikanische Publikum damals weniger prüde als heute?

Das mag wohl zutreffen. Schließlich hatten wir gerade die Swinging Sixties, Flower Power und den Summer of Love hinter uns. Das prägt natürlich. Mich bis zum heutigen Tag. Tief in meinem Herzen bin ich immer noch ein Hippie.

Und das ist für Sie etwas Positives?

Auf jeden Fall, denn darunter verstehe ich vor allem Freiheit im Denken und Handeln.

Genau das hat Ihnen ja schon viel Ärger in Hollywood eingebracht.

Ich kann gut damit leben, dass mich einige Leute dort wegen ein paar politischer Statements, die ich während einer Oscar-Verleihung vor vielen Jahren abgab, immer noch schief ansehen.

Sich in den USA politisch zu engagieren und seine Popularität dafür zu nutzen, mehr Öffentlichkeit für ein bestimmtes Anliegen zu bekommen – das verzeiht das Establishment niemandem?

Aber das hat nicht nur mit Hollywood zu tun …

… das passiert überall, ja.

Wissen Sie, ich will mein diesbezügliches Engagement gar nicht so sehr betonen. Es gibt überall auf der Welt Frauen, die sich viel mehr für die richtige Sache einsetzen – manche riskieren dabei sogar ihr Leben. Vor diesen bewunderungswürdigen Frauen verbeuge ich mich.

Trotz Ihrer unbequemen Art gehören Sie zu den ganz wenigen – zumal älteren – Frauen in Hollywood, die der üblichen Stereotypisierung entkommen konnten. Wie auch Diane Keaton, Meryl Streep natürlich oder die Britinnen Helen Mirren und Judi Dench …

Zum Glück gibt es tatsächlich noch ein paar Frauen über zwanzig, die in Hollywood beschäftigt werden! Aber glauben Sie jetzt bloß nicht, dass sich da in den Köpfen der Studio-Bosse etwas verändert hat. Zum einen gab es solche Frauen schon immer. Ich erinnere nur an Bette Davis, Katherine Hepburn oder Barbara Stanwyck. Zum anderen ist die Filmindustrie nach wie vor auf Jugend getrimmt. Das ist einerseits verständlich, andererseits … Ach, ich will mich nun wirklich nicht beklagen. Auch Männer, die in die Jahre gekommen sind, haben es – von den berühmten Ausnahmen einmal abgesehen – in der Filmindustrie nicht gerade leicht, gute Rollen zu bekommen.

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Ist also kein Wandel in Sicht?

Das Entertainment-Business wird nach wie vor von jungen Leuten bestimmt. Daran ändern auch die Rolling Stones oder Bruce Springsteen nichts. Was mir viel mehr Sorgen bereitet, ist, dass in den letzten Jahren im amerikanischen Kino die Filmfinanzierung total aus dem Ruder gelaufen ist. Ich habe mich darüber erst kürzlich mit Martin Scorsese und Paul Schrader unterhalten. In den USA gibt es entweder Filme, die ein, zwei Millionen Dollar – oder 200 Millionen Dollar kosten. Der ganze Mittelbereich, also Filme mit einem Budget von 20 oder 30 Millionen Dollar, ist so gut wie weggebrochen. Ich empfinde das als einen eklatanten Mangel. Wenn selbst Stars wie Tom Hanks, Dustin Hoffman oder Robert De Niro solche Filme nur mit größter Anstrengung – oder gar nicht! – finanziert bekommen, ist das ein großes Armutszeugnis für unsere Kultur, finden Sie nicht?

Das liegt wohl auch daran, dass Multiplex- und Shopping-Mall-Kinos solche Filme eben nicht mehr ins Programm nehmen.

Das sehe ich auch so. Deshalb sind die Film-Festivals überall auf der Welt so wichtig geworden. Wenigstens dort sieht man noch Filme jenseits des Mainstreams. Zum Glück hat sich das amerikanische Fernsehen in den letzten Jahren partiell sehr verbessert. Es gibt viele mutige Produktionen beim Kabelkanal HBO, Showtime oder ähnlichen Sendern. Das gibt Anlass zu Hoffnung. Aber klar ist, dass viele der Kinofilme, die ich gemacht habe, heute nicht den Schatten einer Chance hätten. Kein Studio würde 2013 zum Beispiel Filme wie „Annies Männer“, „Thelma & Louise“ oder „Light Sleeper“ finanzieren.

Dennoch haben Sie Ihre 28-jährige Tochter Eva nicht davon abgehalten, Schauspielerin zu werden.

Ich hätte mir schon gewünscht, dass Eva einen anderen Beruf ausübt. Sie ist sprachlich sehr begabt, also dachte ich lange, sie wird vielleicht Dolmetscherin. Und sie hat ja auch gelegentlich mitbekommen, dass das Filmbusiness ziemlich hart sein kann. Aber als ich sah, dass sie es wirklich ernst mit der Schauspielerei meint, habe ich sie natürlich aus ganzem Herzen unterstützt. Schauspieler sollte wirklich nur der werden wollen, der nicht anders kann. Den es dazu drängt, wie zum Beispiel ein Maler, der eben jeden Tag malen muss. Wer nur auf Geld und Ruhm aus ist, sollte besser die Finger davon lassen.

Was hat Ihnen bei Ihrer Karriere – außer Talent – noch geholfen, eine so erfolgreiche Schauspielerin zu werden?

Glück! Ich hatte unheimlich viel Glück. So vieles hängt doch vom Zufall ab. Die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen. Talent, Disziplin, Instinkt – das gehört sicher alles dazu. Aber wenn man kein Glück hat, nützt einem das alles nichts. Vielleicht hat mir auch geholfen, dass ich das Karrieremachen nicht so wahnsinnig verbissen gesehen habe. Ich war damals ja noch sehr jung und habe mich einfach ausgetobt. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich meine Teenager-Jahre auf einer katholischen Mädchenschule verbracht habe. Und mit zwanzig war ich schon zum ersten Mal verheiratet. Es hat also eine Weile gedauert, bis ich mich emanzipiert hatte.

Emanzipiert wovon?

Von meiner Familie – immerhin war ich das älteste von neun Geschwistern –, von meiner katholischen Erziehung, dem furchtbar veralteten Frauenbild, das damals in den Köpfen der meisten Amerikaner noch fest verankert war. Kurz: Es gab politisch und kulturell jede Menge Herausforderungen …

… die Sie alle gemeistert haben?

Wo denken Sie hin! Ich habe in meinem Leben schon auch große Fehler gemacht. Aber aus jeder Krise bin ich hoffentlich ein bisschen gestärkt hervorgegangen. Und zum Glück konnte ich, ganz egal, was mich privat gebeutelt hat, Filme machen. Das half.

Was gibt Ihnen die Schauspielerei – außer Kontinuität – sonst noch?

Das Beste ist wohl, dass ich durch meine Arbeit eine Leidenschaft für das Leben und die Menschen entwickeln konnte, die ich in einem anderen Beruf so wahrscheinlich nicht hätte ausleben können. Das Filmemachen ist eigentlich ein sehr intimer Prozess – zumindest für Schauspieler und Regisseure. Da lernt man sich sehr gut kennen, sieht die Stärken, aber vor allem auch die Schwächen eines jeden. Dadurch bin ich viel offener und toleranter geworden. Ich habe auch viel weniger Vorurteile. Und natürlich konnte ich nicht nur sehr viele verschiedene Leben leben, sondern mich auch in anderen Zeiten bewegen.

Die Schauspielerei als L’Éducation sentimentale?

Oh ja, auf jeden Fall. Sie hat mir viel gezeigt, was ich ohne sie nie erfahren hätte. Und mich extrem flexibel und anpassungsfähig gemacht. Und neugierig. Ja, vor allem bin ich immer noch neugierig.

Haben Sie sich im Laufe der Zeit sehr verändert?

Ich bin erfahrener und hoffentlich reifer geworden. Ich sehe immer deutlicher, welchen Platz ich im Leben einnehme. Welche Menschen ich in mein Leben lasse – und welche nicht. Ich bin auch viel entscheidungsfreudiger geworden. Für mich ist das Älterwerden kein Fluch. Im Gegenteil – es hat mich freier und auch mutiger gemacht. Ich bin nicht mehr so schnell für Kompromisse zu haben. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich die Zeit, die mir noch auf diesem Planeten bleibt, noch intensiver, noch sinnlicher und vor allem sinnvoller verbringen möchte.

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Wie oft glaubten Sie, den Sinn des Lebens schon gefunden zu haben?

Schon oft – und ebenso oft habe ich ihn dann wieder verworfen. Das Leben hat mir vor allem gezeigt, das nichts beständig, sondern alles im Fluss ist. Es gibt zwar ein paar Konstanten in meinem Leben – meine Familie, das Filmemachen, die Tatsache, dass ich in einer Demokratie leben darf –, aber das meiste ist doch einer stetigen Wandlung unterworfen. Und damit habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht. Denn eigentlich bin ich es doch, die immer unzufrieden war … und die immer noch mehr will. Das Wichtigste für mich ist Authentizität.

Ihre Lebenslust ist also nach wie vor ungebrochen?

Sie ist sogar noch stärker geworden. Ich fühle mich immer noch täglich vom Leben inspiriert. Vor allem auch von den Menschen, die versuchen, einen anderen Lebensstil als nur Wirtschaftswachstum und Verschwendung zu etablieren. Die umweltbewusster, nachhaltiger, verantwortungsvoller leben. Die zum Beispiel wieder ihr eigenes Gemüse, Obst und Getreide anbauen. Das ist für mich keine kitschige Landflucht, sondern der Versuch, die Vormachtstellung der großen Konzerne zu brechen. Wir – die Menschen – haben jeden Tag Verantwortung zu übernehmen, damit die Welt nicht völlig kaputt gemacht wird. Wir dürfen uns von den Mächtigen nicht korrumpieren lassen.

Ihr Kollege Dustin Hoffman meint, dass vor allem Ruhm einen Menschen korrumpiert. Stimmen Sie ihm zu?

Ganz und gar nicht. Jeder hat es doch selbst in der Hand, ob er sich korrumpieren lässt oder nicht. Das hat nichts damit zu tun, ob einer reich ist oder berühmt. Aber vielleicht ist Los Angeles da tatsächlich die berühmte Ausnahme von der Regel. Zum Glück wohne ich in New York, wo sich nicht alles nur ums Geschäft dreht. Man muss natürlich immer auf der Hut sein. Und ehrlich zu sich selbst.

Sie sind auf Los Angeles nicht gut zu sprechen?

Ich habe nichts gegen die Stadt. Für mich ist es ein Ort zum Arbeiten, mehr nicht. Seit ich vor zehn Jahren auf dem Walk of Fame einen Stern bekam, habe ich – als echte New Yorkerin – sogar ein wenig Grundbesitz in L. A. Darüber kann ich mich köstlich amüsieren.

Wäre Ihr Leben ein Film – welchen Titel würden sie sich wünschen?

Wie wäre es denn mit „Die unendliche Geschichte“?!

Interview: Ulrich Lössl

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