Marion Rung ist ein Festival-Profi. 1962 wird die finnische Sängerin siebte beim Eurovision Song Contest, 1973 belegt sie den sechsten Platz, wieder beim ESC. Und 1980 geht sie als Siegerin von der Bühne – beim Liederwettbewerb der Intervision. Dieser Abend war der vorerst letzte Versuch der in der Intervision zusammengeschlossenen osteuropäischen Radio- und TV-Sender, eine Gegenveranstaltung zum westlichen ESC zu etablieren. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, gerade viermal seit 1977 wurde die Show aus der Opera Leśna im polnischen Sopot übertragen.

Abgestimmt wurde damals – so will es die Legende – indem in den Haushalten der beteiligten Länder das Licht angedreht wurde, sobald ein Lied gefiel, und im umgekehrten Fall wurde das Licht einfach gelöscht. Der gemessene Stromverbrauch entschied dann über Sieger und Verlierer. Unter dem Namen „Five Stars Intervision“ wurde 2008 noch einmal ein Wettbewerbversuch gestartet, diesmal aus dem russischen Sotschi. Dabei ist es bislang geblieben.

Die Anti-Nato soll antreten

Bis zum diesjährigen ESC. Was für eine Schmach musste Russland in Kopenhagen erleben! Millionen Fernsehzuschauer weltweit wurden Zeuge, als die Vertreterinnen Russlands, die Tolmatschowa-Zwillinge, ausgepfiffen wurden, sobald sie die Bühne der B&W Hallen betraten. Und Buhrufe noch einmal, als die Moskauer Jury ihre Siegerpunkte beim abschließenden Voting durchgab. Sowohl die Ukraine-Krise als auch die rigide Verfolgung homosexueller Menschen durch die russische Führung hinterließen beim ESC-Publikum nur noch Wut und Empörung.

Als sei das nicht genug, siegte dann auch noch eine Frau mit Bart, Conchita Wurst – mit den massenhaften Stimmen russischer Fernsehzuschauer. Das Maß war voll. „Das ist das Ende Europas“, schimpfte der rechtsnationalistische Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski, „da gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern nur noch ein Es.“ Und Vizepremierminister Dmitrij Rogosin sekundierte: „Der Sieg von Conchita Wurst zeigt den Anhängern einer europäischen Integration, was sie erwartet – ein Mädchen mit Bart.“

Um diesen Zerfall von Sitte und Anstand endgültig zu stoppen, soll der Intervisionswettbewerb jetzt neu auferstehen. „Das ist zuallererst ein Protest gegen den Zusammenbruch der Moral in Europa und den USA“, meldet sich Staatschef Wladimir Putin höchstpersönlich zu Wort. „Für uns ist es wichtig, die traditionellen Werte wieder neu zu beleben.“ Eine „familienfreundliche Alternative“ fordert der kommunistische Abgeordnete Valery Rashkin, „Die Ergebnisse des letzten ESC haben unsere Geduld erschöpft. Wir müssen diesen Wettbewerb verlassen. Wir können diesen endlosen Wahnsinn nicht länger tolerieren.“

Der Gegenentwurf, frei von allem Homosexuellem und sonstiger westlicher Dekadenz, soll „The Voice of Eurasia“ heißen und ist für den kommenden Oktober in der Olympia-Stadt Sotschi geplant. Als Teilnehmerländer bisher zugesagt haben die Staaten der „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ (SOZ), gerne auch als Anti-Nato beschrieben. Zu den Mitgliedern gehören neben Russland noch China, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Natürlich können auch andere einstige Sowjetstaaten teilnehmen, noch aber hat sich keiner von denen, die fast alle beim ESC vertreten sind, angemeldet.

Neben geltungssüchtigen Politikern gibt es auch aus dem russischen Musikgeschäft erste positive Rückmeldungen für eine Neuauflage der Intervision. „Die Wiederbelebung dieses internationalen Wettbewerbs ist von größter Bedeutung sowohl für Russland als auch für die ganze Welt“, sagt Igor Matvienko, einer der führenden Musikproduzenten des Landes. „Denn – von einigen Ausnahmen abgesehen – war der ESC nie eine wichtige Plattform für russische Musiker.“ Sagt’s und unterschlägt dabei, dass fast alle führenden russischen Pop-Stars bisher um die vorderen Plätze beim ESC kämpften, oft genug mit der Hilfe westlicher Komponisten und Produzenten.

Inzwischen war Russland schon aktiv bei der Auswahl eines würdigen Intervision-Vertreters. Bereits im Juni ging in Jalta auf der Krim der Vorentscheid „Five Stars“ über die Bühne, Sieger wurde der 19-jährige Alexander Ivanov, natürlich mit einem Lied in russischer Sprache. Trotz all dieser Vorbereitungen hat Russland aber auch schon angekündigt, dass es im nächsten Jahr beim ESC in Wien wieder dabei sein wird.

Der Westen sieht’s gelassen

Ganz gelassen sieht man in Genf, dem Sitz des ESC-Veranstalters, der European Broadcasting Union, der Konkurrenz aus dem Osten entgegen. „Es wird wohl schwerfallen, in so kurzer Zeit einen Wettbewerb zu organisieren, der unseren hohen Ansprüchen genügt“, sagt Sietse Bakker, der ESC-Verantwortliche bei der EBU. „Wir werden aber sehr genau beobachten, ob das Format dem unseren ähnelt, denn das ist urheberrechtlich geschützt. Wir warnen vor einer Kopie.“

Man darf gespannt sein, denn natürlich geht Russlands Ehrgeiz auch dahin, den ESC mit neuen Quotenrekorden im eurasischen Raum zu schlagen. Das wird schwer, denn der ESC hat sich – als musikalisches Schaufenster in den Westen – in den vergangenen Jahren einen populären Spitzenplatz bei den Fernsehzuschauern Osteuropas erobert.