Berlin - Der Aufruf kam von einem, den die sie bei den Nachrichtendiensten intern schon mal einen „alten Bekannten“ nennen: Schon seit längerem überwachte der Bundesverfassungsschutz diesen deutschen Anhänger des selbsternannten „Islamischen Staates“, der aus Oberhausen im Ruhrgebiet nach Syrien gegangen war, um persönlich im Kalifats- und Kampfgebiet der Dschihadisten zu leben und mitzumischen. In seinem Fall gehörte dazu auch der Kontakt in die salafistische Szene in Deutschland, die er über das Internet regelmäßig mit Nachrichten und offenbar auch Anordnungen versorgte.

Am Wochenende war nun einer seiner Terroraufrufe, die er im Namen des IS über einen Online-Messengerdienst in die salafistische Szene in Deutschland funkt, so konkret geworden, dass die Polizei eingriff: Durch die Sperrung eines Einkaufszentrums in Essen – eins der größten Deutschlands – verhinderte sie nach eigenen Angaben einen Bombenanschlag. Auch im baden-württembergischen Offenburg rückte die Polizei wegen einer Anschlagsdrohung zu einem Großeinsatz aus. Ein 20-Jähriger habe im Internet mit einem Anschlag auf eine Disco gedroht, erklärte die Polizei am Sonntag.

Laut de Maizière hat sich die Bedrohungslage nicht verschärft

Offen blieb zunächst, welche Lehre aus den beiden Terrorwarnungen zu ziehen ist. Dass sich die Bedrohungslage verschärft habe, wies Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Sonntagabend zurück. „Die Terrorgefahr in Deutschland ist hoch“, sagte er in der ARD. „Sie bleibt hoch. Und hoch kann nicht gesteigert werden.“

War es also ein Zufall, dass die Geheimdienste rechtzeitig auf diesen IS-Drahtzieher gekommen waren? Oder beobachten die Behörden – spätestens, seit sie den Berliner Attentäter Anis Amri im Dezember zum falschen Zeitpunkt aus dem Blick verloren hatten – so viele Gefährder und Dschihadisten, dass regelmäßig mit Terroralarm zu rechnen ist? Oder wird seitdem nur schneller Alarm ausgerufen?

Nach allem, was am Sonntag aus Sicherheitskreisen zu erfahren war, führten alle drei Faktoren zu den Warnungen dieses Wochenendes. Die Beobachtung von Dschihadisten lasse sich ja kaum noch intensivieren, hieß es etwa. Debattiert werde inzwischen ja vor allem über den konkreten Umgang mit Gefährdern. In diesem Fall hatte das Gemeinsame Terrorismus-Abwehrzentrum von Bund und Ländern die Online-Aktivitäten des Islamisten in Syrien mehrfach in den letzten Tagen besprochen. Am Samstagmorgen sei sein Aufruf dann so konkret geworden, dass ein Hinweis an die Essener Polizei „völlig selbstverständlich“ gewesen sei, heißt es.

Verfassungsschutz warnte Essener Polizei

Das Bemerkenswerte daran sei gewesen, dass die Terrorpläne sehr konkret waren, was Ziel, Vorgehen und Anschlagsort anging – aber sehr vage, wer die potenziellen Täter sein sollten. „Normalerweise ist es ja andersherum“, sagt ein Insider.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz habe dann die Essener Polizei gewarnt, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums dieser Zeitung. Man habe das weitere Vorgehen gemeinsam besprochen, die Entscheidung trifft in einem solchen Fall aber die Landesbehörde.

In diesem Fall hat die Polizei es offenbar vorgezogen, das Einkaufszentrum mit 70.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und mehr als 200 Läden auch ohne Hinweise auf mögliche Täter zu sperren – immerhin war es noch geschlossen. Eine Sperrung im laufenden Betrieb hätte eine Panik auslösen können. Das Zentrum blieb am gesamten Samstag geschlossen, die Einbußen dürften in die Millionen gehen.

Die Polizei nahm zwei Kontaktmänner in Oberhausen fest und durchsuchte ihre Wohnungen, setzte einen aber am Samstagabend wieder auf freien Fuß. Nach Informationen dieser Zeitung war einer davon der Bruder des ausgereisten Dschihadisten, der in Kontakt zu ihm stand. Er wird offenbar weiter vernommen. Die in den Wohnungen aufgefundenen Gegenstände würden noch ausgewertet, hieß es.