Man weiß nicht, welche Auflage Thomas Drach am meisten zuwider ist: Das Tragen der elektronischen Fußfessel? Die wöchentliche Meldung bei einem Bewährungshelfer? Der Nachweis für die Suche nach einer geregelten Arbeit? Das Verbot, Waffen zu besitzen? Die Weisung, keinen Kontakt zu seinem Entführungsopfer Jan Philipp Reemtsma aufzunehmen? All diese Dinge sollte Drach, 53, jedenfalls nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis beachten. Mehr als 15 Jahre hat der Mann mit der hohen Stirn und dem Kranz an dunklem Resthaar in Hamburg-Fuhlsbüttel und anderswo hinter Gittern verbracht. Er verbüßte die volle Strafe, zu der er wegen der Entführung des Soziologen, Professors und Tabakkonzern-Erben Reemtsma verurteilt worden war. Alle Anträge auf vorzeitige Haftentlassung waren abgelehnt worden – zu uneinsichtig, zu dreist, zu brutal hatte sich Drach im Gefängnis gebärdet.

Doch seit Montagmorgen ist er wieder ein freier Mann. Gegen 6.30 Uhr öffneten sich die Tore der Haftanstalt, bestätigte die Justizbehörde. Sein Anwalt holte ihn mit dem Auto ab. Ein Foto zeigt den schwarz gekleideten Drach auf dem Beifahrersitz, Blick geradeaus, den Kopf in die Hand gestützt. Der Reemtsma-Entführer hat der Hamburger Justizbehörde angekündigt, Deutschland verlassen zu wollen. So umgeht er die Auflagen, unter denen er entlassen wurde, und gegen die er erfolglos vorgegangen war. Erst am Dienstag hatte das Hanseatische Oberlandesgericht die Bestimmungen der sogenannten Führungsaufsicht bestätigt.

Wo ist das Lösegeld?

Die elektronische Fußfessel, die Teil der Auflagen war, trug Drach beim Verlassen des Gefängnisses nicht. Sie sollte ihm erst in einigen Tagen angelegt werden, so hat es der Hamburger Justizbehörde zufolge das Gericht festgelegt. Zugleich verweist der Justizsprecher auf Drachs angekündigte Ausreise. Die Bild-Zeitung wähnte den notorischen Schwerverbrecher am Montag bereits auf dem Weg in die Niederlande.

Ein Leben im Ausland kennt der Mann, der bereits mit 13 Jahren Autos aufbrach, mit 18 einen Supermarkt und mit 20 eine Bank überfiel, und den die Polizei noch immer für gefährlich hält. Nach der Reemtsma-Entführung hatte er sich nach Südamerika abgesetzt und einige Jahre ein Leben in Saus und Braus geführt – mit Villa und Cabrio im noblen Badeort Punta del Este in Uruguay.

Das Geld dafür stammte aus der brutalen Entführung, die 1996 großes Aufsehen erregte: Umgerechnet 15 Millionen Euro hatten Drach und seine Komplizen für ihre Geisel erhalten, die sie 33 Tage gefangen hielten und der sie mit Verstümmelung drohten. Der größte Teil des Lösegelds ist bis heute verschwunden, Drach hat beharrlich über den Verbleib geschwiegen, die erpresste Summe gar sein „verdientes Geld“ genannt. Die Ermittler gehen davon aus, dass noch mindestens 6,5 Millionen Euro übrig sind. Mit Drachs Freilassung geht die Jagd nach dem Lösegeld in eine neue Runde, nicht nur Reemtsmas Detektive werden dem Entlassenen auf den Fersen sein.