Thomas Rauscher: Wie ein Leipziger Juraprofessor zum Pegida-Verfechter wurde

Leipzig - Bis zum Jahr 2014/15, meint Professor Tim Drygala, sei sein Kollege „völlig vernünftig“ gewesen: FDP-Mitglied, konservativ-liberal, ein toter Twitter-Kanal, nur neun Follower. Aber dann, als die Flüchtlinge kamen, habe er sich verwandelt und nun, bedauert der Professor, sei er wie der Geisterfahrer auf der Autobahn, der meint, ihm kämen unzählige Geisterfahrer entgegen.

Bei dem verirrten Kraftfahrer handelt es sich um den Leipziger Jura-Professor Thomas Rauscher. Und Professor Tim Drygala, der Mann, der ihn so beschrieben hat in einem Stern-Interview, ist der Dekan der Juristischen Fakultät. Abgründe haben sich aufgetan im Kollegium: Rauscher sei ein Mann, der sich selbst radikalisiert habe und nun meine, die Welt retten zu müssen, findet Drygala. Ausländische Kollegen hätten ihn schon angesprochen, so Drygala, und gefragt: Was beschäftigt ihr denn für komische Leute?

Seit langem rumort die Causa Rauscher, ärgert die Universität Leipzig und das Sächsische Wissenschaftsministerium. Der jüngste Vorfall: Mitte November kommentierte der Professor einen Aufmarsch polnischer Nationalisten in Warschau. Demonstranten trugen ein Plakat mit der Aufschrift: „Ein weißes Europa brüderlicher Nationen“. Rauscher dazu via Twitter: „Für mich ist das ein wunderbares Ziel.“

„Wir schulden den Afrikaner und Arabern nichts.“

Es war nicht das erste Mal, dass er so auf sich aufmerksam machte. Seit Beginn der Pegida-Bewegung in Dresden ab Herbst 2014 ist er mit radikalen Kommentaren aufgefallen. Neben seinem Bekenntnis zum weißen Europa gab es Betrachtungen über Afrika: „Wir schulden den Afrikaner und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben."

Der Universität reicht es. Studenten haben in der vergangenen Woche während seiner Vorlesung protestiert, Flugblätter verteilt und wegen der „rassistischen Tweets“ zum Boykott von Rauscher-Vorlesungen aufgerufen. Auf ein Jurastudium mit „rassistischem Gesülze“ hätten sie keine Lust, schimpften Studenten Die Leitung der Uni hat Rauschers Äußerungen ausdrücklich verurteilt. „Wir stehen für Weltoffenheit und Toleranz und stellen uns gegen intolerantes und fremdenfeindliches Gedankengut“, hieß es in einer Erklärung dazu. „Wir werden nun Untersuchungen einleiten und dienstrechtliche Schritte prüfen." Drygalas Fakultät dazu am Mittwoch: „Die Juristenfakultät Leipzig… missbilligt die über Twitter verbreiteten Äußerungen von Herrn Professor Rauscher, die auch in der Öffentlichkeit als rassistisch wahrgenommen wurden. Lehre und Forschung betreiben wir nach dem Leitbild eines weltoffenen und toleranten Miteinanders, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung.“

Disziplinarische Schritte gegen Rauscher angepeilt

Auch Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) hat die Nase voll und prüft Ermittlungen: „Sachsens Hochschulen sind weltoffen und international. Die ausländerfeindliche Meinung von Rauscher kritisiere ich scharf." Der aus Bayern stammende 62-jährige Wissenschaftler lehrt seit dem Wintersemester 1993/94 in Leipzig und ist dort Direktor des Instituts für ausländisches und europäisches Privat- und Verfahrensrecht. Anfang 2016, als noch Tausende zu den Pegida-Kundgebungen in Dresden kamen, hatte er mit Bemerkungen auf seinem privaten Twitter-Account für Empörung gesorgt, die in der Zeit nachzulesen waren: „Es ist natürlich, sich zu wehren, wenn die eigene Kultur untergeht. Die 'Angst des weißen Mannes' sollte wehrhaft werden!"

Auch damals hat sich die Universität distanziert, sich aber auf den Standpunkt zurückgezogen, Rauscher habe all diese Sachen als Privatmann und nicht im Namen und als Mitarbeiter der Uni getwittert, deshalb keine disziplinarischen Schritte gegen ihn. So etwas falle unter Meinungsfreiheit.

Nun werden disziplinarische Schritte angepeilt. Aber das braucht seine Zeit, Ende offen. „Das wird mehrere Wochen, wenn nicht Monate dauern“, so Drygala. „Bisher ist noch nicht einmal ein externer Gutachter gefunden, geschweige denn ein Prüfauftrag erteilt.“

Rauscher selbst ist diese Woche angeblich im Ausland. Er weist alle Anschuldigungen zurück. Gegenüber der „Huffington Post“ nannte er den Rassismus-Vorwurf vor ein paar Tagen „absolut lächerlich.“ Dieser sei „eine Universalkeule“, um „jede Kritik an der aktuellen Flüchtlingspolitik zu killen“. Seinen Twitter-Zugang hat er abgeschaltet.