Kaprun/BerlinEs war ein sonniger Morgen, an diesem 11. November des Jahres 2000. Die Menschen in Kaprun freuten sich auf einen schönen Skitag in den Alpen, mit der Gletscherbahn „Kaprun 2“ sollte es hinaufgehen auf das Wintersportareal rund um das 3200 Meter hohe Kitzsteinhorn. Als die Bahn gegen 9 Uhr früh aus der Talstation losfuhr, wurde jedoch schnell klar, dass etwas nicht stimmte. Schon 20 Meter nach der Abfahrt konnte man Rauch sehen: Im rückwärtigen, ins Tal weisenden Führerstand brannte es.

Plötzlich ging alles sehr schnell und eine Katastrophe nahm ihren Lauf, wie sie sich in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht ereignet hatte. Heute weiß man: Die wahrscheinlichste Ursache für den Brand war Hydrauliköl, das auf einen Heizlüfter traf, der nachträglich installiert worden war, um die Kabine des Fahrers zu erwärmen. Als die Bahn in einem Tunnel zum Gletscherplateau zum Stehen kam, waren die Türen verschlossen. Verzweifelte Wintersportler schlugen die Scheiben ein, drängten ins Freie. Instinktiv rannten die meisten von ihnen weg vom Feuer, nach oben – und damit direkt hinein in eine sie einholende Wolke aus Rauch- und Giftgas. Am Ende überlebten nur zwölf Passagiere, weil sie entgegen der Kaminwirkung im Tunnel nach unten liefen. 155 Menschen starben in dem Inferno, die meisten durch Rauchvergiftung. Viele hatten sich erst gar nicht mehr aus dem Zug befreien können. Die Bilder vom schwarzen Rauch, der aus dem Alpincenter auf dem Kitzsteinhorn quoll, gingen damals um die Welt.

BLZ/Galanty, Hecher; Quelle: afp

In der 3000-Einwohner-Gemeinde Kaprun sind die Spuren des Unglücks bis heute sicht- und spürbar. Bürgermeister Manfred Gaßner (SPÖ) ist seit 2013 im Amt, an den Tag der Katastrophe erinnert sich der 62-Jährige genau. „Die Brandkatastrophe ist ein Teil der Geschichte und des Lebens in Kaprun, sie ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert“, sagt Gaßner. Er sei wie alle im Ort tief betroffen gewesen, ungläubig, dass so etwas passieren konnte, und voller Mitgefühl mit den Hinterbliebenen. „In einem Ort wie Kaprun kennt jeder jeden und natürlich auch die Kapruner Opfer.“

Der Bürgermeister hat auch Kontakt zu Überlebenden, viele kommen jedes Jahr nach Kaprun, sagt er. Nicht nur zum Jahrestag des Unglücks, sondern auch auf Urlaub oder um Freunde zu besuchen. Zu vielen bestehe ein vertrauensvolles Verhältnis: „Es ist ein gemeinsamer Verarbeitungs- und Bewältigungsprozess, der nie abgeschlossen sein wird, solange Betroffene leben.“

Nach dem Unglück gab es Ermittlungen, doch die Beschuldigten, unter ihnen drei leitende Mitarbeiter der Gletscherbahnen Kaprun AG, wurden 2004 freigesprochen – ein Urteil, das bis heute bei vielen Unverständnis auslöst. Wie kann es sein, dass 155 Menschen sterben und niemand schuld ist, fragen sich viele. Juristen führen dagegen an, dass Schuld voraussetzt, dass Menschen vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hätten. Eben dies konnte im Prozess nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Dabei waren Zweifel durchaus angebracht, galt doch der Haushalts-Heizlüfter, der den Brand verursachte, als vollkommen ungeeignet für den Einsatz in der Fahrerkabine einer Gletscherbahn. Sicherheitsvorkehrungen wie Rauchmelder, Nothammer oder Feuerlöscher gab es nicht. Kaum zu glauben, dass die Standseilbahn bis zu diesem Tag schon mehr als 26 Jahre unfallfrei unterwegs gewesen war.

Doch die Gerichte stellten fest, dass gegen die zum Zeitpunkt des Unglücks geltenden Normen und Gesetze nicht verstoßen worden war. Auch wenn diese Gesetze damals bereits als stark veraltet galten. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit um Entschädigungszahlungen für die Angehörigen der Opfer. Am Ende wurden fast 14 Millionen Euro ausgezahlt. Die Gletscherbahn wurde nie wieder in Betrieb genommen.

Im bayerischen Vilseck erinnert ein Gedenkstein an die Opfer von Kaprun. 20 Mitglieder des örtlichen Ski-Clubs starben bei dem Unglück.
Foto: Daniel Karmann/dpa

Doch gänzlich ausgestanden ist die Sache auch am 20. Jahrestag des Seilbahnunglücks noch nicht. Opfer-Anwalt Gerhard Podovsovnik zeigte sich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur überzeugt: „Die Gletscherbahn war eine tickende Zeitbombe.“ Der von einer baden-württembergischen Firma hergestellte Heizlüfter sei von den Betreibern in Eigenregie umkonstruiert worden und habe so alle Zertifizierungen verloren.

Der Anwalt sieht eine Chance, das Verfahren zivilrechtlich noch einmal ins Rollen zu bringen. In Europa gebe es zwar keine Aussicht, aber über den Umweg der USA – acht Opfer stammten aus den Vereinigten Staaten – lasse sich eventuell etwas machen. „Wenn man es darauf anlegt, ist der Vergleich auf Sand gebaut“, sagt der Jurist mit Blick auf die Millionen, die damals an die Angehörigen geflossen sind. Diese Vereinbarung sei nur unter dem Druck zustande gekommen, dass alle hätten unterschreiben müssen – sonst, so sieht es der Anwalt, hätte kein Hinterbliebener etwas bekommen.

Sollte sich ein Sponsor finden, der einen Prozess in den USA bezahle, „dann beauftrage ich sofort einen US-Anwalt“, sagt Podovsovnik, der am Ende des Verfahrens die Angehörigen von rund 100 Opfern vertrat. Als er nach dem stärksten Eindruck nach der damaligen Gerichtsverhandlung gefragt wird, sagt er: „Es war das Scheitern des österreichischen Rechtssystems und die Übermacht der österreichischen Skiwirtschaft.“

Und tatsächlich mutet es bizarr an, dass ein Heizlüfter in der zugigen Bahn eingebaut wurde, der für den Einsatz in Wohnräumen oder Badezimmern konzipiert wurde. Dass er gegen den ausdrücklichen Warnhinweis des Herstellers in einem Fahrzeug eingesetzt wurde, dann aber vor Gericht argumentiert wurde, dass die Standseilbahn kein herkömmliches Fahrzeug gewesen sei.

Die rechtliche Auseinandersetzung mit dem Geschehen ist das eine – aber auch die Trauer will verarbeitet werden. Seit 2004 gibt es an der Talstation in Kaprun eine Gedenkstätte, ein schlichter Betonbau mit 155 verschiedenfarbigen Glaslamellen. Jede trägt Namen und Geburtsdatum eines Opfers. Zum 20. Jahrestag – in Corona-Zeiten – ist ein ökumenischer Gottesdienst an der Gedenkstätte geplant, „in aller Bescheidenheit“, wie Bürgermeister Manfred Gaßner sagt. „Das entsprach den Wünschen der Mehrheit der Angehörigen nach Privatheit und stillem Gedenken.“