Tierheime: Im ersten Kreis der Hundehölle

Celestynow - Izabella Dzialak hat gerade erst eine Knieoperation hinter sich. Sie hat auch schon eine Krebserkrankung überstanden. Das Gehen fällt ihr schwer, dennoch kommt die 71 Jahre alte Frau seit 22 Jahren fast täglich hier heraus in das Tierasyl im Wald von Celestynow, 20 Kilometer südöstlich von Warschau. Die 15 Arbeiter nennen sie nur „die Chefin“ – Szefowa.

Ihre Begrüßungsworte gehen an diesem Tag im Gebell der Hunde unter. Die alte Frau zeigt auf das kleine zweistöckige Haus mit den Säulen unter dem Balkon. „Wir reden später in der Villa“, ruft sie, so laut sie kann, und ordnet zunächst einen Rundgang über das Gelände an.

Alles trieft an diesem Tag. Durch die porösen Wellblech-Abdeckungen der Gitterboxen rinnt das Regenwasser und durchtränkt die verfilzten Felldecken und modrigen Matratzen, die den Tieren die Kälte des Winters erträglicher machen sollen. In einer rostigen Schubkarre steht eine bräunlich-gelbe Masse aus Brühe, Trockenfutter und Nudeln. Knochenreste schwimmen darin. Die Mitarbeiter füllen den Brei mit schmutzigen Schaufeln in Kübel und Näpfe. Überall dort, wo sich ein Mensch zeigt, springen kläffend hungrige Hunde herbei oder drücken ihre Schnauze durch den Maschendraht der Gatter.

„Hundehölle“ nennen polnische Tierschützer Orte wie diesen. Immer wieder appellieren sie an die Regierung, weil sie die Lage in den etwa 100 Tierheimen des Landes für „einen einzigen Albtraum“ halten, wie es Jan Cyndecki vom Verein „Intervention für Tiere“ formuliert. Die meist von den Kommunen betriebenen Heime sind chronisch unterfinanziert und hoffnungslos überfüllt. Allein in Wojtyszki südwestlich von Lodz, dem größten Tierheim Europas, leben 3 700 Hunde zwischen Betonmauern in Großgehegen. Im Vergleich dazu ist die Villa in Celestynow mit ihren 400 Bewohnern nur der erste Kreis der Hölle.

Organisierte Kriminelle verdienen mit illegaler Hundezucht Geld

Cyndecki spricht von „Systemversagen“. Es gebe in Polen weder geordnete Verfahren zur Sterilisation und Kastration von Tieren noch ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass heimatlose Lebewesen schutzbedürftig sind.

Die oberste staatliche Kontrollkommission NIK hat das nach einer groß angelegten Prüfung bestätigt. In 68 Prozent der Gemeinden gibt es keine Präventionsprogramme. Jeder vierte Hund und jede dritte Katze stirbt demnach in polnischen Heimen vorzeitig oder wird gezielt getötet. Der Tierschützer sieht in dieser „flächendeckenden Tragödie“ ein Erbe der Volksrepublik. „Die bolschewistische Beschränktheit und die Nähe zum wilden Asien haben in unserem Land Spuren hinterlassen“, sagt er und bedient Klischees, wo es um Fakten gehen sollte.

Tatsache ist, dass Polens Regierung das Tierschutzgesetz seit dem 1. Januar 2012 verschärft hat. Wer Hunde, Katzen oder andere Tiere quält, muss mit härteren Strafen rechnen. Tierschützer wie Cyndecki glauben aber nicht, dass sich dadurch schnell etwas ändern wird. Sie sehen sich durch die staatlichen Kontrolleure bestätigt. „Die Gesetzesänderungen lösen das Problem der Obdachlosigkeit von Tieren nicht“, heißt es in einem Bericht der Kommission. Und wie zum Beleg für Cyndeckis Theorien vom wilden Osten machen Berichte aus dem Nachbarland Ukraine die Runde. Dort sollen streunende Straßenhunde vielerorts vergiftet und in mobilen Krematorien verbrannt worden sein.

Drinnen in der Villa in Celestynow bietet Izabella Dzialak zur Beruhigung der Nerven stark gesüßten Tee an. Das Haus dient als Büro, Speicher und letzte Zuflucht für die Tiere vor Wind und Wetter. Es stinkt hier genauso nach bakteriell verseuchtem Urin wie auf dem Hof. „Die Menschen sind es, die das Leben der Tiere zerstören“, sagt Dzialak. Sie weiß so gut wie Jan Cyndecki, dass es in Polen nicht nur ein Systemversagen, sondern auch organisierte Kriminelle gibt, die mit illegaler Hundezucht Geld verdienen. Sie verkaufen Welpen ohne jede veterinärmedizinische Kontrolle – meist in Deutschland oder anderen westeuropäischen Ländern.

Cyndecki spricht ebenso wie der Deutsche Tierschutzbund von regelrechten Hundefabriken. Geht bei der „Hundeproduktion“ etwas schief, werden die Tiere ausgesetzt. Und landen bei Tierpflegern wie Izabella Dzialak. „Ich kann das alles kaum ertragen“, sagt die 71-Jährige. An allen Ecken und Enden fehle es an Geld, nicht nur für Futter und Material. „Meine Leute bekommen sechs Zloty pro Stunde“, sagt sie – etwa 1,40 Euro. Es sind die Ärmsten der Armen, die sich hier als Tierpfleger ein Zubrot verdienen.